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Gelenkte Rhizome: Kulturelles Erbe und kulturelle Kybernetik | 237
Individuelle Navigationsentscheidungen sind nicht individuell interpretierbar, son-
dern nur innerhalb enorm großer Datensätze, in denen der einzelne Zugriff in Bezie-
hung gesetzt wird zu Millionen von anderen. Dabei interessiert sich das System nicht
für die Wünsche kultureller Eliten und Experten bezüglich der Frage, wie mit kultu-
rellen Inhalten umgegangen werden sollte, sondern wie mit ihnen laufend umgegan-
gen wird ‒ um so Regelmäßigkeiten auszumachen, die man an das Publikum zurück-
spielen kann. Damit scheinen Suchmaschinen natürlich zunächst einmal ganz dem
Geiste des Rhizoms verpflichtet zu sein: Sie haben keine Ambition dazu, der Infor-
mationswelt, für die sie den Zugang bilden, irgendeine systematische oder kategori-
ale Ordnung mit Ewigkeitsanspruch aufzusetzen, sondern sie sind Instrumente, die
›Plateaus‹ im Sinne Deleuzes und Guattaris sowohl ausfindig machen, als auch for-
men. Waren Suchmaschinen vor Google lediglich Garanten dafür, dass eine Webseite
eine bestimmte Folge von Zeichen enthielt, wurden sie nach Page Rank und mit dem
Aufkommen von Analytics-Systemen zum Bürgen tatsächlicher Sinnhaftigkeit und
Anschlussfähigkeit auf dem culture layer. Dabei bildet Google aber keine bestimmte
Pädagogik oder Philosophie kultureller Vermittlung ab außer jener, dass sich ir-
gendwo in den großen Zahlen ein virtueller Konsens des Massenpublikums verbirgt,
den es nicht zu hinterfragen oder herauszufordern, sondern zu vermessen und weiter-
zutragen gilt. In diesem Sinne ›partizipiert‹ natürlich jeder Nutzer zu einem gewissen
Grade an der Abruf-Architektur, welche die Suchmaschine dem Web aufsetzt.
5.4 CYBERTEXT: EMANZIPATION UND
FREMDBESTIMMUNG IM GERANKTEN WEB
Es liegt intuitiv nahe, in den Algorithmen der Suchmaschinen ein plebiszitäres Mo-
ment auszumachen: Nicht nur, dass sie das Urteil über die Relevanz von Webinhalten
scheinbar völlig paritätisch über ihre Nutzermassen verteilen, sie sind dabei auch
blind für abstrakte Kategorien von kultureller Wertigkeit. Geert Lovink schreibt dazu
noch im Jahre 2010 (und das Zitat wurde in der Einleitung dieser Arbeit ja bereits
paraphrasiert):
Ein Gespenst geht um unter den intellektuellen Eliten der Welt: Informationsüberlastung. Das
gemeine Volk hat sich strategische Ressourcen unter den Nagel gerissen und verstopft einst
sorgfältig überwachte Medienkanäle. Vor dem Internet beruhte die Macht der Mandarinklasse
auf der Idee, dass man »Geschwätz« von »Wissen« trennen könne. Mit dem Aufstieg der In-
ternetsuchmaschine ist es jedoch nicht mehr möglich, zwischen patrizischen Einsichten und
plebejischem Tratsch zu unterscheiden. Die Trennung von high und low, dem Ernsten und dem
Trivialen, und ihre Vermischung zu Zeiten des Karnevals stammt aus vergangenen Zeiten. (Lo-
vink 2010: 53)
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien