Seite - 253 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Bild der Seite - 253 -
Text der Seite - 253 -
6 Virtualisierung und Musealisierung:
Skizze eines Spannungsfeldes
Die zentrale Herausforderung für die kuratorische Arbeit in virtuellen Museen ist also
noch vor den klassischen Problemstellungen allen Kuratierens ‒ der Ausarbeitung
von Ausstellungskonzepten und Zielsetzungen, der Auswahl von Exponaten, ihrer
Anordnung in einem bereits existierenden Museumraum ‒ das Finden zweckdienli-
cher strategischer Umgangsformen mit der virtuellen Wesensart des Mediums Com-
puter. Die zuvor diagnostizierte Einbindung des virtuellen Museums als Konzept in
die übergreifende Idee vom ›Weltmuseum‹ oder gar vom world brain erscheint in
der Medienlandschaft unserer Gegenwart regelrecht anachronistisch und der Vorstel-
lung verhaftet, dass das ›Museum von Babel‹ Architekten und Baumeister benötigen
würde, die es mit voller Absicht und klaren Zielkonditionen errichten. Tatsächlich
scheint es stattdessen so zu sein, dass die zunehmende ›Verbabelung‹ aus den tech-
nischen und sozialen Eigendynamiken des Mediums heraus ganz von allein stattfin-
det. Als Problem präsentiert es sich dabei weniger, Inhalte ins Netz zu bringen und
sie prinzipiell auffindbar zu halten. Schwierig ist es vielmehr, der Emergenz von Zu-
griffsmustern und den Sinngefügen, welche die ›natürliche Kybernetik‹ der Naviga-
torensoftwares aus ihnen entstehen lässt, noch Didaktiken aufzusetzen, die in irgend-
einem Expertenwissen fundiert sind. Die Frage danach, wie man das Universalmu-
seum errichtet und ordnet, ist technisch und informationstheoretisch längst beantwor-
tet. Brisant wird hingegen jene danach, wie man sich als virtuelles Museum (oder
auch als Onlineauftritt eines physischen) noch abschirmen kann vor Ordnungsme-
chanismen, die letztlich alle von ihnen erfassten Inhalte einem einzigen Relevanzsys-
tem unterwerfen, in welchem für die Wesensart des Museums kein Platz mehr ist –
in der nämlich die Idee einer Aufwertung durch Abgrenzung und institutionelle Aus-
zeichnung nicht mehr auftaucht.
Das Museum bedient sich zwar auf der Ebene struktureller Wissensorganisation
rhizomatischer Prinzipien ‒ Dinge stehen einander ›flach‹ im Raum gegenüber und
geben dem Besucher die Chance zur Sinnbildung abseits einer eindimensionalen, li-
nearen Erzählung ‒ will aber in seiner didaktischen Architektur weiterhin von der
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien