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Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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254 | Dinge – Nutzer – Netze Wurzel zum Geäst funktionieren. Dabei wäre das Geäst die fertige Ausstellung, in der sich die Besucher bewegen, das Wurzelwerk aber das System von Spezialisten- kenntnissen, aus dem sich die Ausstellung konzeptionell speist und institutionell le- gitimiert. Insofern arbeitet das Museum also mit Rhizomstrukturen, die hierarchisch übereinandergeschichtet werden, und die Kompetenz des Kurators zieht sich gewis- sermaßen als verbindender ›Stamm‹ durch sie hindurch. Kuratoren müssen das Netz wissenschaftlicher Erkenntnisse über Gemengelagen der Vergangenheit ebenso zu navigieren imstande sein wie jenes der pädagogischen Einsichten und Positionen zu Strategien der Kulturvermittlung, und sie müssen sich natürlich in ihrem eigenen Fundus zurechtfinden, bevor aus diesem eine Ausstellung hervorgehen kann. Der Kurator ist also ein Experte, der unterschiedliche Expertensysteme verbindet und zu- weilen miteinander verfließen lässt, aber letztlich in seiner Arbeit auch eine Rang- ordnung unter ihnen affirmiert: Die Produktion von Wissen muss seiner Vermittlung vorangehen. Das Museum existiert unter den Vorzeichen einer Kulturauffassung, in der eben nicht allen Arten und Resultaten menschlicher Betätigung dieselbe Geltung beigemessen wird, sondern in der die Hierarchisierung durch den Kenner der Rezep- tion durch den Laien vorausgeht. Das Museum macht Dinge zu Museumsdingen, aber damit es diese Transformation vollziehen kann, muss zunächst die Vorstellung etab- liert sein, dass a priori alle Dinge gerade nicht gleich sind, dass bestimmten materi- ellen Gegenständen eine Qualität anhaftet, die sie von anderen Dingen abhebt und ihre Musealisierung ermöglicht und rechtfertigt. Diese virtus ist ihr Charakter als Überrest einer Vergangenheit, die selbst per Definition keinen Bestand mehr haben und nur als ›Geschichte‹ fortbestehen kann, die laufend produziert und zukunftsfähig gemacht werden muss. Das Museum verbürgt zwar als Asservatenkammer der Ge- schichte die Tatsache, dass es eine Vergangenheit gab, aber weil es keine Univer- saldarstellung leisten kann, muss es sich in eine kontinuierliche und kontingente his- torische Wirklichkeit eingliedern, die es nicht aus sich selbst heraus erzeugen kann. Ranking- und Empfehlungsalgorithmen stellen dagegen die Rezeptionssituation allen Relevanzurteilen voran und schalten jedweder Hierarchisierung eine grundsätz- liche Nivellierung vor. Diese besteht darin, dass sie jedes kulturelle Vorurteil von Informationen hinwegwaschen: Für eine Suchmaschine ist kein digitales Objekt aus sich heraus ›besser‹ oder ›schlechter‹ als ein anderes. Das Geschirr, das man im On- linekaufhaus bestellen kann, besitzt keinen ausgewiesenermaßen höheren Stellenwert als das, das es im Antikenmuseum zu besichtigen gibt, das Facebookposting über die Party am vergangenen Wochenende ist für sie von keiner Instanz mit größerer Be- deutung ausgestattet als das Goethe-Gedicht, das ulkige Youtube-Video nicht wich- tiger als Citizen Kane, der Webcomic nicht mehr oder weniger schön als die Gemälde der flämischen Meister. Was die Suchmaschine uns anbietet, ist eben niemals eine im klassischen Sinne des Wortes kuratierte Auswahl.
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Dinge – Nutzer – Netze Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Titel
Dinge – Nutzer – Netze
Untertitel
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Autor
Dennis Niewerth
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-4232-6
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
Kategorie
Medien
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