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Wurzel zum Geäst funktionieren. Dabei wäre das Geäst die fertige Ausstellung, in
der sich die Besucher bewegen, das Wurzelwerk aber das System von Spezialisten-
kenntnissen, aus dem sich die Ausstellung konzeptionell speist und institutionell le-
gitimiert. Insofern arbeitet das Museum also mit Rhizomstrukturen, die hierarchisch
übereinandergeschichtet werden, und die Kompetenz des Kurators zieht sich gewis-
sermaßen als verbindender ›Stamm‹ durch sie hindurch. Kuratoren müssen das Netz
wissenschaftlicher Erkenntnisse über Gemengelagen der Vergangenheit ebenso zu
navigieren imstande sein wie jenes der pädagogischen Einsichten und Positionen zu
Strategien der Kulturvermittlung, und sie müssen sich natürlich in ihrem eigenen
Fundus zurechtfinden, bevor aus diesem eine Ausstellung hervorgehen kann. Der
Kurator ist also ein Experte, der unterschiedliche Expertensysteme verbindet und zu-
weilen miteinander verfließen lässt, aber letztlich in seiner Arbeit auch eine Rang-
ordnung unter ihnen affirmiert: Die Produktion von Wissen muss seiner Vermittlung
vorangehen. Das Museum existiert unter den Vorzeichen einer Kulturauffassung, in
der eben nicht allen Arten und Resultaten menschlicher Betätigung dieselbe Geltung
beigemessen wird, sondern in der die Hierarchisierung durch den Kenner der Rezep-
tion durch den Laien vorausgeht. Das Museum macht Dinge zu Museumsdingen, aber
damit es diese Transformation vollziehen kann, muss zunächst die Vorstellung etab-
liert sein, dass a priori alle Dinge gerade nicht gleich sind, dass bestimmten materi-
ellen Gegenständen eine Qualität anhaftet, die sie von anderen Dingen abhebt und
ihre Musealisierung ermöglicht und rechtfertigt. Diese virtus ist ihr Charakter als
Überrest einer Vergangenheit, die selbst per Definition keinen Bestand mehr haben
und nur als ›Geschichte‹ fortbestehen kann, die laufend produziert und zukunftsfähig
gemacht werden muss. Das Museum verbürgt zwar als Asservatenkammer der Ge-
schichte die Tatsache, dass es eine Vergangenheit gab, aber weil es keine Univer-
saldarstellung leisten kann, muss es sich in eine kontinuierliche und kontingente his-
torische Wirklichkeit eingliedern, die es nicht aus sich selbst heraus erzeugen kann.
Ranking- und Empfehlungsalgorithmen stellen dagegen die Rezeptionssituation
allen Relevanzurteilen voran und schalten jedweder Hierarchisierung eine grundsätz-
liche Nivellierung vor. Diese besteht darin, dass sie jedes kulturelle Vorurteil von
Informationen hinwegwaschen: Für eine Suchmaschine ist kein digitales Objekt aus
sich heraus ›besser‹ oder ›schlechter‹ als ein anderes. Das Geschirr, das man im On-
linekaufhaus bestellen kann, besitzt keinen ausgewiesenermaßen höheren Stellenwert
als das, das es im Antikenmuseum zu besichtigen gibt, das Facebookposting über die
Party am vergangenen Wochenende ist für sie von keiner Instanz mit größerer Be-
deutung ausgestattet als das Goethe-Gedicht, das ulkige Youtube-Video nicht wich-
tiger als Citizen Kane, der Webcomic nicht mehr oder weniger schön als die Gemälde
der flämischen Meister. Was die Suchmaschine uns anbietet, ist eben niemals eine
im klassischen Sinne des Wortes kuratierte Auswahl.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien