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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 257
6.1 MUSEUM UND WEB: ZWEI ABDUKTIVE PARADIGMEN
Als eine (wenn nicht gar die) zentrale Herausforderung an ein virtuelles Museum
muss dabei wohl das Bestreben gelten, dem User innerhalb seiner ›Grenzen‹ die Ab-
duktionsbedingungen des Web abzugewöhnen und ihn wieder zum Flaneur und De-
tektiv, ihn also zu einem bewussten Betrachter werden zu lassen. Das Web mit seiner
Fülle digitaler Bildwelten und seinen hocheffizienten Navigationswerkzeugen habe,
so eine These Anette Spohns aus den frühen 2000er Jahren, in den Nutzern einen
Habitus des Sehens (oder genauer: des Übersehens) kultiviert, der ganz anders funk-
tioniert als jener, den das Museum bei seinen Besuchern anzustoßen versucht: Das
Überangebot von Reizen habe den ›langen Blick‹ und die Suche nach dem »optisch
Unbewußten« Walter Benjamins (Benjamin 2008/1935: 36) zu einem Luxus werden
lassen, den wir uns im alltäglichen Umgang mit Informationstechnologien kaum
mehr leisten könnten. Stattdessen ginge es vor allem darum, in der Rezeption laufend
all das auszusieben, was für uns nicht unmittelbar anschlussfähig ist (vgl. Spohn
2002: 268f.).
In ihrem 1994 ‒ fünf Jahre vor Google ‒ erschienenen Buch Data Trash identifi-
zieren Arthur Kroker und Michael A. Weinstein narrowcasting (ohne selbst diesen
Begriff zu benutzen) als eine Verführungsstrategie des Netzes, die den Rezipienten
zum Konsumenten mache. Im Web, so ihre These, vervollkommne sich das aus dem
Konsumentenkapitalismus geborene »possessive individual«: Alle nur vorstellbare
Information scheint dem Anwender zur Verfügung zu stehen und nur darauf zu war-
ten, von ihm ergriffen und in Besitz genommen zu werden. Dabei werde er aber zu-
gleich ganz unmerklich seinerseits von Information besessen (vgl. Kroker u. Wein-
stein 1994: 9). Der Computer, so postulieren Weinstein und Kroker, ist in dieser Si-
tuation nicht nur ein Instrument zur Nutzung des Netzes und zur Visualisierung von
Interfaces, sondern er nimmt die Funktion eines medizinischen Messgerätes an, das
ständig die Befindlichkeiten seines Anwenders protokolliert und an bestimmte, ihm
übergeordnete Autoritäten weiterleitet. Den bereits diskutierten Nutzerrollen von
Flaneur und Detektiv fügen Kroker und Weinstein damit eine dritte, weniger positiv
belegte hinzu: die des Patienten, dem laufend das zugeführt wird, von dem die tech-
nische Anordnung annimmt, er bräuchte es. Gottfried Korff hat bei seinem Versuch
einer Übertragung der Experimentalsystem-Vorstellung Hans Jörg Rheinbergers auf
das Museum ja bereits die Problematik des unscharfen Übergangs zwischen episte-
mischen und technischen Dingen in die Museologie eingeführt. Im Netz gehen nun
nicht mehr nur technische und epistemische Dinge prozesshaft ineinander über, son-
dern die technischen Dinge verschmelzen nicht selten mit der Figur des Experimen-
tators ‒ oder eben des Kurators.
Unter diesen Voraussetzungen präsentiert sich das Moment der Abduktion im
Web als eine Umkehrung seiner Entsprechung im Museum. Museen existieren als
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien