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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 259
zwischen der medialen Logik der beiden Dispositive bisher so hartnäckig übersehen
wurden: Web und Museum gehen genau gegensätzlich mit ihnen um.
6.1.1 Das Museum der Fragen und das Web der Antworten
Museen sind in ihrer Existenz natürlich davon abhängig, dass Besucher sich für ihre
Ausstellungen interessieren ‒ aber ihr gesellschaftlicher Auftrag besteht eben gerade
nicht darin, die naheliegendsten Antworten auf die Fragen ihres Publikums zu liefern
und ihm bestehende Annahmen über die Vergangenheit zu bestätigen. Die museale
Abduktion, welche durch die in der räumlichen Trennung von der Außenwelt abge-
bildete Institutionalisierung gewährleistet wird, schafft zugleich die Voraussetzungen
für Unverständnis und Irritation überall dort, wo das Authentizitätsversprechen des
Museums mit dem kollidiert, was der Besucher über die historische Welt zu wissen
glaubt. Das Web und die Hypertextsysteme, die ihm vorangegangen sind, stehen hin-
gegen in einer Ideengeschichte des unbedingten Anschlusses. Von den Zettelkästen
des 19. Jahrhunderts über Vannevar Bushs und Ted Nelsons gleichermaßen im
Ideenstadium verbliebene ›Memex‹- und ›Xanadu‹-Projekte bis hin zu Googles im-
mer noch andauerndem Siegeszug über alle konkurrierenden Suchtechnologien hat
hier immer ein Paradigma der Auffindbarkeit und der Folgerichtigkeit im Mittelpunkt
gestanden. Zwar hat künstlerisch intendierte Hypertext-Literatur immer wieder Mög-
lichkeiten ausgelotet, mittels modular vernetzter Texte Leser irrezuführen und mit
der Möglichkeit des ›Scheiterns‹ am Versuch der Sinnstiftung zu konfrontieren (vgl.
Aarseth 1995; vgl. Douglas 1995), aber in der Geschichte der wissenschaftlichen,
didaktischen und kommerziellen Nutzung von Hypertextsystemen ist das gegentei-
lige Bestreben tonangebend. Daraus ergibt sich auch ein ganz bestimmtes Rezipien-
tenbild, welches möglicherweise daraus resultiert, dass diese Systeme vor dem take-
off des World Wide Web in den 1990er Jahren überwiegend von Experten für andere
Experten gedacht wurden: Sie setzen meist einen souveränen und gebildeten Nutzer
voraus, der recht gute Vorstellungen davon hat, was er braucht ‒ und wollen ihn dabei
unterstützen, es zu finden und verfügbar zu halten. Auch wenn das WWW heute
Massenmedium ist und der User, der ein Thema googelt, in den meisten Fällen wohl
gerade kein Experte für selbiges sein (oder werden wollen) wird, klingt diese Vor-
stellung immer noch nach. Man mag in Googles kultureller und technischer Program-
matik, entsprechend der Lesart Weinsteins und Krokers, eine Degradierung des Nut-
zers zum invaliden Patienten sehen, der an ihrem informativen Tropf hängt ‒ man
kann in Google Search aber auch eine Technologie erkennen, die ihren Nutzer als
einen Kunden respektiert, dessen Motivationen und Interessenlagen zu hinterfragen
sie sich überhaupt nicht anmaßt.
Das Museum hingegen ist seinem Selbstverständnis nach eine Bildungsstätte und
muss didaktische Programme nicht für Einzelpersonen, sondern für ein extrem weit
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien