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gedachtes Publikum entwickeln. Dabei gründen sich diese Programme seit seines in-
stitutionellen Kindesalters auf die Annahme, dass es dem Besucher etwas beizubrin-
gen gilt ‒ über Kultur, Natur, Geschichte, Gegenwart, womöglich gar über sich selbst
‒, das er erstens noch nicht weiß und von dem er zweitens möglicherweise auch noch
gar nicht weiß, dass man es wissen könnte. Genau an dieser Stelle kann der von Korff
beschriebene ›Schock‹ eintreten, der im Idealfall natürlich ein heilsamer wäre: Die
von Korff propagierte Museumspädagogik will dem Besucher nicht das geben, was
er will, sondern das, was er (zumindest ihrer Ansicht nach) braucht ‒ unter der An-
nahme, dass er sich über Letzteres selbst weder im Klaren ist noch sein kann (vgl.
Korff 2007: 120).
Zu diesem Bildungs- und Erziehungsauftrag gesellt sich im Museum eine affekt-
orientierte Performanz, die Gottfried Korff und Heinrich Theodor Grütter mit ihrer
Analogsetzung des Kurators zum Theaterregisseur scharfstellen: Inszenierungen be-
ziehen ihren Wert ja gerade aus ihrer spezifischen Beschaffenheit, ihrem ›So-Und-
Nicht-Anders‹, in der sich ein ganz bestimmtes Verhältnis von Aktualität zu Virtua-
lität manifestiert. Das Theater bietet seinem Publikum nicht einfach Goethes Faust,
sondern Faust gefiltert durch die Interpretation dieses oder jenes Regisseurs, unter
Mitwirkung dieser oder jener Schauspieler, dieser oder jener Bühnen- und Masken-
bildner, usw. Diese Form der Autorschaft ist hier kein notwendiges Übel, keine bloße
Verwaltung von Möglichkeitspotenzialen für begrenzte (Zeit-)Räume der Darbie-
tung. Sie ist vielmehr die Bedingung aktuellen Erlebens: Das Theaterstück existiert
ja als solches erst, wenn es gespielt oder aufgeführt wird, seine Niederschrift stellt
lediglich die virtuelle Voraussetzung seiner Wiedergabe als Zeitobjekt dar. Im Mu-
seum manifestiert sich eine solche Autorschaft notwendigerweise in einer Verweige-
rung von Verfügbarkeit, und diese Verweigerung soll nicht nur erzieherischen Mehr-
wert haben, sondern macht womöglich auch einen erheblichen Teil des ästhetischen
und dramatischen Reizes einer Museumsausstellung aus. Den Erfolg einer solchen
Ausstellungsphilosophie unterstreichen Ergebnisse aus der amerikanischen Besu-
cherforschung der 1950er Jahre: So stellte die LA Times 1957 fest, dass nach explizit
in Besucherbefragungen geäußerten Wünschen angelegte Ausstellungen vom Publi-
kum tatsächlich nicht positiv aufgenommen, ja bisweilen als langweilig und uninte-
ressant erlebt wurden (vgl. Redman 2010: 4).
6.1.2 Die Individualisierung der Dinge im Museum
Indes kann gerade dieses affektive Moment auch eine Überschreibung aller Reflexi-
onspotentiale bewirken. Paradoxerweise neigen gerade konservative Museumskon-
zepte mit straffer kuratorischer Programmatik und hoher Betonung von Authentizität
und auratischem Erlebniswert dazu, die Gemachtheit der Ausstellung zu verschleiern
‒ und damit auch den virtuellen Charakter der Ausstellungsstücke. Ulfert Tschirner
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien