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bemalter Leinwand heraus die Ikone der abendländischen Kultur, als die wir sie ty-
pischerweise verhandeln, sondern sie wird im Gefüge einer performativen Medien-
praxis dazu gemacht. Sie ist nicht nur das Gemälde an der Wand, sondern sie ist die
sie umgebende Ausstellungssituation des Louvre und darüber hinaus auch das Ergeb-
nis ihrer massenmedialen Präsenz im Imaginären Museum ‒ und damit das Produkt
der Erwartungshaltung von Millionen Besuchern, die sich das Original in Paris an-
schauen. ›Die Mona Lisa‹ im Sinne des Originalwerkes ist gewissermaßen der mate-
rielle Sockel eines komplexen Phänomens, das sich ganz überwiegend in völliger
Abwesenheit des Originals konstituiert. Dennoch wird man kaum eine lexikalische
Definition der Mona Lisa finden, die sie als etwas anderes erfasst als eben eines der
zentralen Werke der Malerei der italienischen Renaissance.
So entstehen ›Kulturbausteine‹, die sich hervorragend zur Transposition in digi-
tale Attributobjekte eignen. Um zum vorherigen Beispiel zurückzukehren: In abseh-
barer Zeit wird kein Computer ein Theaterstück inszenieren können, weil ein Thea-
terstück nur sehr begrenzt in Einzelelemente diskretierbar ist. Natürlich lassen sich
in Narrativen funktionale Einheiten bestimmen ‒ z.B. Charaktere, Handlungsorte und
-zeiträume oder Ereignisse ‒ aber diese gehen üblicherweise auf Arten ineinander
über und auseinander hervor, die nach menschlicher Sinnstiftung verlangen. Unser
materielles Kulturerbe hingegen ist schon aus dem Museumsdiskurs heraus weitge-
hend diskretiert ‒ in singuläre, monumentale Einzelgegenstände, deren materielle
Abgeschlossenheit und Begrenztheit die ihnen inhärente Beweisführung für das zu
sein scheint, als was wir sie wahrzunehmen gelernt haben.
6.2 ›KURZER KOPF‹ UND ›LANGER SCHWANZ‹ DES
KULTURELLEN BEWUSSTSEINS
Wollten virtuelle Museen dementsprechend lediglich Deutungen und Verständnisse
von Kulturgegenständen perpetuieren, die ohnehin bereits als fest im kulturellen Be-
wusstsein ihrer Zielgruppen vorausgesetzt werden dürfen, würden sie sich in letzter
Konsequenz per ihrer Redundanz zu bestehenden Navigationswerkzeugen im Web
obsolet machen. Wenn es nur darum ginge, innerhalb einer bestehenden Interessen-
lage Erwartungshaltungen zu erfüllen, dann wäre jede Bemühung um ein museales
Moment im Web letztlich eine personell extrem aufwändige Wiederholung dessen,
was Analytics-Dienste ganz ohne menschliches Eingreifen zu leisten imstande sind:
Nämlich einen in relativen Zahlenwerten erfassbaren ›Konsens‹ eines völlig ungefil-
terten Publikums darüber abzubilden, was kulturell in welchem Maße zusammenge-
hört.
Das folgende Beispiel mag dies veranschaulichen: Der Verfasser dieser Studie
googelt am Abend des 26. Juli 2015 den Begriff Mona Lisa. Die ersten zehn ihm
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien