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264 | Dinge – Nutzer – Netze
Links enthält, mittels derer der Nutzer sofort auf andere Webseiten springen kann, ist
mit der auf Wikipedia üblichen Querverweisstruktur versehen und beinhaltet nicht
zuletzt eine Abbildung des Werkes in einer Auflösung von stolzen 7.479x11.146 Pi-
xeln, die von jedermann heruntergeladen werden kann und darf.3 Die anderen
Google-Treffer mögen hierzu bisweilen redundant oder gar absurd erscheinen, wei-
ten aber immerhin den Blick auf die ganze Breite kultureller Reaktionen auf die Mona
Lisa. Das Feedback-Feld, dass zu jeder Google-Suche nach populären Begriffen ne-
ben der Trefferliste erscheint, zeigt zugleich wichtige Ergebnisse aus der Bildersuche
an und weist darauf hin, dass Suchen nach der Mona Lisa häufig mit Suchen nach
DaVincis Abendmahl, der Dame mit dem Hermelin, dem Vitruvianischen Menschen,
der Felsgrottenmadonna, aber auch mit Edvard Munchs Schrei einhergehen. Ver-
blüffender- (und für den Louvre womöglich blamabler-)weise leistet die Software
hier also etwas, was die menschlichen Webmaster auf der Louvre-Homepage nicht
zu leisten imstande waren, sie ordnet die Mona Lisa nämlich in kulturell völlig plau-
sible und nachvollziehbare Zusammenhänge ein ‒ und der Besuch auf der von Men-
schen kuratierten Museums-Webseite hat tatsächlich keinerlei Mehrwert gegenüber
der maschinellen Suche.
6.2.1 Chris Andersons ›Long Tail‹-Theorie
Entsprechend ist die von Korff geforderte Schockfunktion des Museums für virtuelle
Museen möglicherweise mehr als nur eine didaktische Philosophie unter vielen, son-
dern eine notwendige Modalität der Abgrenzung gegenüber all dem, was im Web
längst ›von allein‹ geschieht. Wenn Computersoftware imstande ist, für Menschen
verständliche kulturelle Zusammenhänge aus massenhaft erhobenen Zugriffsmustern
herauszurechnen und an die Nutzer zurückzuspielen, dann müsste sich menschliche
Autorschaft im Cyberspace eben gerade darin manifestieren, dass sie Inhalte ›gegen
den Strich‹ einer solchen mechanischen Sinnstiftung bürstet. In einem Web, in dem
die problemlose Anschlussfähigkeit alles Gefundenen an beim User bereits vorhan-
dene Wissensbestände als Normalzustand vorausgesetzt werden kann, wäre gerade
das Auftreten von Sinnstrukturen jenseits des Erwartbaren eine deutliche Indikation
für das Wirken einer personellen Autorschaft und ein Argument für den Blick über
den Tellerrand der ersten Google-Treffer.
Die entscheidende Frage wäre hier natürlich, wo im Web solche Freiräume für
Irritationen und Überraschungsmomente noch bestehen, wenn ‒ so lautet ja Yevgeny
Morozovs Diagnose unserer digitalen Befindlichkeit ‒ die Informationskanäle des
Webs bereits in ähnlicher Weise begradigt sind wie die Boulevards im Paris Napole-
ons III. und alles, was uns online widerfährt, längst sozialisiertes Erleben ist ohne
Raum für das Private und Verinnerlichte. Eine Antwort hierauf liefert womöglich
3 https://de.wikipedia.org/wiki/Mona_Lisa vom 18.05.2018.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien