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Regalen nicht alles vorn und auf Augenhöhe stehen kann. Nicht anders als das Mu-
seum ist der Supermarkt ein Dispositiv, das Sichtbarkeiten organisiert und Aufmerk-
samkeit kanalisiert. Mit dem Web tauchen Anderson zufolge nun nicht nur zuvor
marginalisierte Waren und Inhalte auf dem metaphorischen ›Radar‹ der Konsumen-
ten auf, sondern es verändere schlechterdings das Wesen ganzer Marktwirtschaften.
Im profitorientierten physischen Warenhandel wird der ›lange Schwanz‹ vernachläs-
sigt, weil man sich von ihm keinen Mehrwert verspricht. Ähnlich wie das Museum
muss ein Geschäft Kompromisse im Hinblick auf die Gefälligkeit seines Angebotes
für ein möglichst breites Publikum machen, anders als das Museum steht es dabei
jedoch in keiner didaktischen Verantwortung. Es gilt, Verkaufsfläche optimal auszu-
nutzen ‒ und das heißt, sie möglichst mit Waren zu füllen, die vom Kunden schnell
aufgekauft werden und ihren Platz wieder zur Neubefüllung freigeben. Unpopuläre
Waren verwandeln die Regalfläche dagegen in toten Raum, long tail-Produkte stören
den Warenumschlag. Normalerweise finden sie ihren Lebensraum daher vorrangig
in kleineren, spezialisierten Geschäften, die sich bewusst abseits des Massenmarktes
einnischen und in ihrer Rentabilität davon abhängig sind, ob sich ein ausreichend
großes Publikum für ihre sehr speziellen Angebote in ihrem Einzugsgebiet befindet
(vgl. ebd.: 192f.). Im Web hingegen verlieren nach Anderson solche Waren ihre pre-
käre Stellung. Zwar ist der potenzielle Markt für jedes individuelle Nischenprodukt
sehr klein, aber in seiner Gesamtheit beschreibt der long tail ein enormes Absatzpo-
tential, das womöglich jenes des short head noch übertrifft (vgl. ebd.: 24).
Mit diesem Wandel in den Voraussetzungen marktwirtschaftlicher Wertschöp-
fung sei über Kurz oder lang auch ein Wandel in der Art impliziert, wie wir uns zwi-
schen kulturellen Angeboten zurechtfinden. Andersons Ansicht nach sind wir in un-
serer Wahrnehmung der uns umgebenden Welt durchdrungen von einem Dualismus
aus »Hits« und »Flops« und damit der Vorstellung, dass letztlich kommerzieller Er-
folg und Popularität kulturellen Wert abbildeten (vgl. ebd.: 46f.). Dieser Dualismus,
der ursprünglich nur die Produzentenseite dahingehend betroffen habe, ob eine wirt-
schaftliche Unternehmung mehr oder weniger eingebracht als gekostet hat, sei über
die medialen Kanäle der Vermarktung in unsere Alltagsbegrifflichkeiten eingesickert
und entscheide nun darüber, worauf wir überhaupt noch unsere Aufmerksamkeit zu
richten bereit sind. Die sich mit dem Web verbindende long tail-Ökonomie verfüge
dementsprechend über das Potential, die wirtschaftliche Grundlage unseres kulturel-
len Erfahrungshorizontes komplett neu aufzustellen: weg von der Navigation zwi-
schen Leuchttürmen des Interesses in einem Ozean des zu Vernachlässigenden, hin
zur Zurechtfindung in einer rhizomatisierten Hügel- (oder eben: Plateau-)Landschaft
der Optionen, die zwar nicht alle die gleiche Popularität genießen, aber alle sichtbar
und erreichbar sind.
Das Web, so lässt sich damit Andersons These auf die vorliegende Studie über-
tragen, biete eben doch Räume für das Marginale, und damit auch für die Flanerie ‒
und zwar umso mehr, je weiter man sich von der kybernetisierten Verdichtung von
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien