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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 267
Massenaufmerksamkeit im short head entfernt. Seine Navigationswerkzeuge und
Ordnungsmechanismen neigen zwar dazu, Aufmerksamkeit auf bestimmte Brenn-
punkte hin zu bündeln, zugleich aber schafft das schiere Ausmaß der Möglichkeiten
zur virtuellen Darstellung und Präsentation die Voraussetzungen für eine Sichtbarkeit
von Inhalten, die in der physischen Welt gar nicht herzustellen wäre. Im narrowcas-
ting sieht Anderson im Gegensatz zu Jeanneney nicht nur einen Mechanismus der
Aussonderung und Verschleierung, sondern einen der Auffindbarmachung auch des
Obskuren: Long tail‒Inhalte sind im Netz nicht nur vorhanden, sondern potenziell
immer auch für Suchmaschinen registrier- und innerhalb ihrer Auswertungsmaßstäbe
anschließbar ‒ was aufmerksamkeitsökonomisch womöglich immer noch günstiger
ist als jede Form der Präsentation, die ihnen ohne Google zuteilwerden würde. Moro-
zovs These von Tod des Cyberflaneurs liegt aus dieser Warte der Fehler zugrunde,
dass sie in ihrer Vorstellung vom WWW die Raum-Metaphorik zu wörtlich nimmt.
Das Web ist keine Stadt, der begrenzter Boden für ihr Wachstum zur Verfügung steht
und in der die Seitenstraßen weichen müssten, um Platz für die Boulevards zu schaf-
fen. Tatsächlich sind, wenn man Andersons Argumentation folgt, sowohl die Boule-
vard als auch die Seitenstraßen so gut besucht wie nie ‒ worauf uns allerdings ein
Fahrstuhleffekt den Blick verstellt. Besonderen Wert legt er hier darauf, festzustellen,
dass die long tail-Theorie nicht nur für monetarisierbare Produkte und Dienstleistun-
gen gilt, sondern grundsätzlich für alles, was im Internet angeboten und kommuni-
ziert wird.
Dementsprechend erkennt er den long tail auch bei nicht profitorientierten Bil-
dungs- und Kulturangeboten ‒ so z.B. auf Wikipedia. Der lange Schwanz des Wis-
sens besteht hier aus den tausenden von (teils überaus ausführlichen) Artikeln über
randständige und obskure Themen, deren Relevanz sich auf sehr kleine Interessen-
gruppen beschränkt und deren Aufnahme in eine gedruckte Enzyklopädie weder wirt-
schaftlich noch didaktisch zu rechtfertigen wäre. Auf Wikipedia indes ist für nahezu
jeden Wissensgegenstand Platz ‒ und eine Kombination aus ›von Hand‹ erstellten
Querverweis-Links und guter Anbindung an die gängigen Suchmaschinen gewähr-
leistet, dass auch diese Einträge gelesen werden, sei es vom etablierten, ›detektivisch‹
eingestellten Interessentenkreis, der bewusst nach ihnen sucht, oder von Web-Fla-
neuren, die schlicht beim Spiel der Assoziationen über sie stolpern. Dabei bedingt
die grundsätzliche Offenheit Wikipedias, dass der long tail der freien Enzyklopädie
laufend länger wird: Denn wer einen Eintrag zu seinem jeweiligen Steckenpferd ver-
misst, der kann ihn ohne weiteres selbst schreiben (vgl. ebd.: 78f.). Insofern sind die
diversen long tails im Web immer auch Räume des Wachstums und Wandels, wäh-
rend die kurzen Köpfe als ›Gondelenden‹ im Sinne Jeanneneys zur Selbststabilisie-
rung neigen.
So schaffen sich long tail-Erscheinungen nach Anderson sowohl eigene Commu-
nities, als auch eigene Systeme der Belohnung und Vergütung, die oft gerade nicht
über Geld funktionieren. Wikipedianer werden als freiwillige Helfer und Hobbyisten
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien