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nicht finanziell entlohnt, ziehen aber dennoch einen Mehrwert aus ihrem Einsatz: Sie
handeln Reputation und Aufmerksamkeit als immaterielle Währung. Damit bewegen
sie sich gewissermaßen in einer Anerkennungs-Ökonomie, die sie wie eine Geldwirt-
schaft zur Anpassung an Angebot und Nachfrage zwingt. Das Prestige wird zum dis-
kursiven Mittel der Verlinkung von Akteuren und gewährleistet, dass sie dort tätig
werden, wo ihre Arbeitskraft gefragt ist (vgl. ebd.: 86f.). Die »Zuverlässigkeit« Wi-
kipedias hängt nach Andersons Einschätzung von einer komplexen, kollektiven In-
telligenz ab, welche aus diesem Dispositiv hervorgeht und die eben nicht mehr in
klassischen Kategorien intentionalen Intellektes zu verstehen ist, sondern nur in Form
statistischer Mustererkennung. Wikipedia lässt keine »Gewissheiten« im Sinne klas-
sischer Enzyklopädien entstehen, die sich auf die Expertise benennbarer Autoren zu-
rückführen ließen, sondern validiert Geltungsansprüche aus der auf Adam Smith zu-
rückgehenden Vorstellung heraus, dass Kollektive in ihrer (ökonomischen) Verschal-
tung zwischen Individuen eine ganz eigene Intelligenz entwickeln (vgl. ebd.: 80f.).
Obwohl die Wikipedia keinem individuell benennbaren Autor die Verantwortung für
die innere Authentizität im Sinne einer ›Wahrheit‹ zuweist, funktionieren ihre Kon-
trollmechanismen überraschend gut: Im Jahre 2007, als Anderson sein Buch über den
long tail schrieb, betrug die durchschnittliche Korrekturzeit für Vandalismus an po-
pulären Artikeln etwa vier Minuten ‒ und schon damals war Wikipedia der Britannica
in Artikelzahl und durchschnittlicher Länge von Einzelbeiträgen etwa um ein Zehn-
faches überlegen (vgl. ebd.: 83).
6.2.2 Der ›lange Schwanz‹ als Problem und Chance für Museen
Obwohl der Begriff des long tail Suzanne Keene 1998 noch nicht zur Verfügung
stand, benennt sie aus ihren Beobachtungen zur Museumsvirtualisierung heraus zwei
zentrale, von der Digitalisierung angestoßene Wandlungen in den Grundlagen der
Kulturwirtschaft, welche Andersons Theorie schon antizipieren: sie spricht von mass
customization und disintermediation. Mass customization beschreibt dabei nicht etwa
das narrowcasting der Suchmaschinen und das Diktat ihrer sich selbst verstärkenden
»Cyber-Kaskaden« (Metahaven 2010: 211), sondern eine diesen gegenüberstehende
Auswirkung veränderter Produktionsbedingungen: Virtuelle Güter lassen sich in viel
kleineren Chargen kostengünstig herstellen als materielle, und müssen dementspre-
chend für den Markteintritt eine viel niedrigere finanzielle Zugangshürde überwin-
den. Das Angebot wird also breiter ‒ während es für Konsumenten zugleich einfacher
wird, sehr genau zu spezifizieren, was sie eigentlich haben möchten. Disintermedia-
tion wiederum meint einen zunehmenden Wegfall von Mittelsmännern, die in der
physischen Warenwirtschaft notwendig sind, um Güter räumlich und rechtlich vom
Produzenten zum Verbraucher zu bringen (vgl. Keene 1998: 111). Wenn z.B. eine
Band ihre Musik als Download direkt über die eigene Webseite vertreibt, dann
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien