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270 | Dinge – Nutzer – Netze
6.2.3 Der Kurator als Techniker?
Idealerweise müsste eine virtuelle Museumspräsenz im WWW also nach außen hin
die Erscheinung eines short head-Angebotes haben, das es in die Spitzenpositionen
der Trefferlisten möglichst vieler relevanter Suchanfragen schafft, im Innern aber
imstande sein, long tail-Inhalte zu vermitteln, die nicht nur bereits bestehende Erwar-
tungshaltungen befriedigen. Da die Systeme, die im Web über Sichtbarkeit und Un-
sichtbarkeit entscheiden, kulturelle Inhalte aber nicht verstehen können, ist dieser
Spagat im Rahmen klassischer kuratorischer Arbeit kaum zu bewerkstelligen. Das
virtuelle Museum sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass seine soziale Wirk-
samkeit und Reichweite nicht in der Sphäre der Kultur allein determiniert wird, son-
dern zu einem bedeutenden Teil innerhalb von formallogischen technischen Syste-
men. Damit reiht sich die Museumsvirtualiserung gerade in Deutschland ein in eine
Konfrontationsgeschichte von humanistischem Bildungsideal und technischen Rea-
litäten, die nach Günter Ropohl letztlich auf die Humboldt᾿schen Bildungsreformen
und damit eben jene Epoche zurückverweist, in der auch die neuzeitliche deutsche
Museumsgeschichte ihren Anfang nimmt. Der Bildungskanon Wilhelm von Hum-
bolds hat, so Ropohl, die Technik nie einzuschließen vermocht, weil er sich wesent-
lich auf den menschlichen ›Geist‹ und damit das Innere richtet, während die Technik
notwendigerweise immer in der Außenwelt ansetzt. Diese kategorische Trennung
von Bildung und Technik sei niemals ganz aus der deutschen Geistesgeschichte ver-
schwunden, auch wenn ein halbes Jahrhundert nach Humbold Karl Marx für eine
Gleichbewertung und -behandlung von geistig-ästhetischer und pragmatischer Bil-
dung warb (vgl. Ropohl 1999: 218f.). Günther Gottmann sah Mitte der 1970er Jahre
den Auftrag von Technikmuseen gar nicht vorrangig darin, über konkrete technikge-
schichtliche Entwicklungen zu informieren, sondern vielmehr in der konzeptuellen
Zusammenführung des Gegenstandes Technik mit der Institution Museum deutlich
werden zu lassen, dass Technologien unhintergehbarer Bestandteil der kulturellen
Welt sind:
Will ein Technikmuseum teilnehmen am zeitgenössischen Dialog und nicht nur in der Vergan-
genheit gegebene Antworten registrieren, muß es immer wieder die Objektivität der Technik
in der Subjektivität des Menschen spiegeln. (Gottmann 1976: 34)
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien