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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 271
6.3 DATENBANK UND NETZWERK: ARCHITEKTUREN
DES VIRTUELLEN MUSEUMS
Indes geht es im Falle des Technikmuseums natürlich darum, die Technik ins Mu-
seum zu holen und damit in ein kuratorisch beherrschtes Dispositiv. Das virtuelle
Museum dreht diese Sachlage ins Gegenteil: Hier geht es nun darum, die Institution
Museum der Technik anzuvertrauen. Wie Suzanne Keene darlegt, haben in den ver-
gangenen Jahrzehnten eigentlich zwei Museumsvirtualisierungen stattgefunden: Be-
vor nämlich zum Ende der 1990er Jahre die Idee einer Ausweitung musealen Präsen-
tierens in den Cyberspace wirkmächtig wurde, hatten (vernetzte) Computer bereits
weite Teile der musealen Verwaltung durchdrungen – nicht nur auf der Ebene der
Objekte, sondern in allen Aspekten des Museums als wirtschaftlicher, sozialer und
pädagogischer Einrichtung. Hatten im Aufseßschen Registerkartensystem des GNM
nur die Museumsdinge virtuelle Dubletten innerhalb des Zettelkastens erhalten, er-
fassten die Datenbanken der Museen nun auch Mitarbeiter, Partnerorganisationen,
Veranstaltungen, Ideen und Konzepte, usw. Während analoge Registersysteme nur
die Sammlung ›gedoppelt‹ hatten, existierte nun fast zur ganzen Institution ein virtu-
elles Gegenstück innerhalb ihrer eigenen, technisch vereinheitlichten Verwaltungs-
infrastruktur (vgl. Keene 1998: 16). Obwohl die innere Virtualisierung des Museums
nicht ansatzweise dieselbe Problematisierung durch die Museumswissenschaft erfah-
ren hat wie seine äußere, bedingte sie eine grundsätzliche Neubewertung musealer
Sammlungsbestände ‒ und vor allem auch: eine Funktionalisierung der Museums-
dinge, die so zuvor nicht stattgefunden hatte.
6.3.1 Computer als Werkzeuge musealer Sammlungsverwaltung
Wie Ross Parry darlegt, lässt sich der Computereinsatz in Museen mittlerweile über
fünfzig Jahre zurückverfolgen. Als William Paisley 1968 auf der im Metropolitan
Museum of Art ausgerichteten Tagung zu den Perspektiven der Computernutzung in
Museen seine Vision vom digitalisierten Meta-Museum entwickelte, war das Thema
durchaus schon seit einigen Jahren im Gespräch. Fünf Jahre zuvor hatte das Washing-
toner Museum of National History ein Komitee ins Leben gerufen, welches die Mög-
lichkeiten der Nutzung von Computern für die Sammlungsverwaltung evaluieren
sollte. 1965 führte die Firma Peat, Marwick, Mitchell & Co. für das Smithsonian eine
Studie zur Anwendbarkeit von Computerdatenbanken in dessen zahlreichen Tochte-
rinstitutionen durch. Dieser folgte 1967 ein Projekt zu automatisierten Dokumentati-
onsvorgängen, und in den Jahren 1969 und 1970 wiederum Prototypen einer Katalo-
gisierungs-Software, die eine hochstandardisierte Verzeichnung von Exponaten er-
möglichen sollte (vgl. Parry 2006: 15f.). Ende 1974 benutzten 50 Museen innerhalb
der USA dieses sog. SELGEM (SELf GEnerating Master)-System, das aus über 40
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien