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Einzelprogrammen bestand und es ermöglichte, zu individuellen Ausstellungsstü-
cken ›Masterdateien‹ anzulegen, auf deren Basis die Software dann allerlei Verwal-
tungsdokumente automatisch erstellen konnte: von Vorlagen für Arbeitsberichte über
Klebeetiketten, Karteikarten und Seiten für gebundene Kataloge oder Handbücher
bis hin zu nach beliebigen Kriterien sortierten Sammlungslisten und Indizes (vgl.
Gautier 1986: 50). Parallel dazu wurde Ende der 1960er Jahre in New York vom
1963 gegründeten Institute for Computer Research in the Humanities (einer Institu-
tion, die selbst zu den Ahnherren der Digital Humanities zu zählen ist) das Museum
Computer Network konzipiert, das nicht nur den Museen selbst nützlich sein, sondern
auch museale Wissensresourcen für die Kultur- und Geisteswissenschaften erschlie-
ßen sollte. Sein Leiter Jack Heller sah das MCN als ein Netzwerk, das die bedeu-
tendsten Kunstmuseen der Welt mit den bedeutendsten wissenschaftlichen Lehr- und
Forschungseinrichtungen zusammenführen und damit eine neue Form computerge-
stützter Kulturwissenschaft ermöglichen würde (vgl. Parry 2006: 16f.).
In Großbritannien fand 1971 das erste große museale Computerisierungsprojekt
Europas statt. John Cutbill von der Universität Cambridge, der mit dem MCN asso-
ziiert war und 1968 eine Session auf der wegweisenden Tagung im Metropolitan
Museum of Art geleitet hatte, wurde von der Museums Association mit der Aufgabe
betraut, die Fossiliensammlung des Sedgwick Museum of Earth Sciences digital zu
katalogisieren. Um diesen etwa 40.000 Stücke beinhaltenden Fundus zu erfassen,
wurden zunächst klassisch kategorisierte und hierarchisierte Katalogdaten als Loch-
codes auf Papiertapes übertragen, diese dann in einen Computer eingelesen und an-
schließend so aufbereitet, dass sie variabel für die Erstellung anderer Dokumente her-
angezogen und statistisch ausgewertet werden konnten. Diese Unternehmung war
zugleich die Initialzündung für die Entstehung der Information Retrieval Group of
the Museums Association, die Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre vor al-
lem darum bemüht war, das Museums Communication Format (MCF) als gemeinsa-
men Datenstandard für Museumscomputer auszuarbeiten (vgl. Parry 2006: 18f.).
Dieses Projekt knüpfte wiederum seinerseits an Vorarbeiten an, die in den Biblio-
thekswissenschaften geleistet worden waren. Der Machine-Readable Catalogue
(MaRC) der amerikanischen Library of Congress hatte als Pilotprojekt zur Verwal-
tung bibliographischer Daten fast alle frühen Ansätze zur Anlage und Betreuung mu-
sealer Datenbanken beeinflusst ‒ und hier zugleich seine Unzulänglichkeiten offen-
gelegt. Denn während für die Verwaltungsmaschinerien von Bibliotheken lediglich
die Angaben auf der jeweils ersten Seite von Büchern von Interesse waren, galt es in
Museen, der Unabschließbarkeit der Exponate gerecht zu werden und prinzipiell das
gesamte sich prozedural immer noch entwickelnde Wissen über individuelle Objekte
zu bewältigen (vgl. ebd.: 22 f.).
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien