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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 277
anschlussfähig sein könnten. Scott nennt als ganz konkretes Beispiel für ein schwer
zu klassifizierendes Museumsding Picassos berühmtes Gemälde Drei Musikanten
aus dem Jahre 1921, das im New Yorker Museum of Modern Art zu besichtigen ist.
Scott verweist darauf, dass die drei Figuren auf dem Bild ‒ der Harlekin, der Pierrot
und der Mönch ‒ überhaupt nicht zwingend als Musikanten gedeutet werden müss-
ten, sondern auch Schauspieler sein könnten, bzw. von Kennern häufig als Repräsen-
tanten Picassos selbst sowie seiner Freunde Max Jacob und Guillaume Apollinaire
gedeutet würden. Darüber hinaus seien die Objekte in ihren Händen und auf dem
Tisch vor ihnen vieldeutig genug, als dass sie nicht zwingend als Musikinstrumente
verstanden werden müssten (vgl. ebd.: 131). Aber selbst wenn man die Ebene der
Deutungen und Zuschreibungen außen vor lässt, scheitert die Idee von einer musea-
len Universaldatenbank, wie sie von Paisley ersonnen wurde, schlicht an der unge-
heuer großen Bandbreite dessen, was in Museen gesammelt wird. Die Standards einer
solchen Datenbank müssten auf Kunstgegenstände ebenso anzuwenden sein wie auf
technik- und naturgeschichtliche oder ethnographische Exponate. Sie müssten Pi-
cassos Musiker also ebenso umfassen können wie ein Mammutskelett, einen brocken
Mondgestein oder Charles Lindberghs im Smithsonian ausgestellte Spirit of Saint
Louis. Will man Paisleys eigenes Beispiel weiterdenken, dann müssten sie unter dem
Schlagwort ›Segelschiff‹ auch Museumsschiffe wie die in Portsmouth vor Anker lie-
gende HMS Victory verzeichnen, die zugleich Exponat als auch Museum sind.
Das Problem bei der Verwaltung von Museumsdingen durch Datenbanken ist
also ein doppeltes: Zum einen wird Museumssoftware typischerweise nicht von Mu-
seumsleuten programmiert, sondern von Softwareentwicklern, welche mit den Be-
dürfnissen von Kuratoren im Alltag musealen Arbeitens meist nicht aus erster Hand
vertraut und außerdem bestimmten technischen Limitierungen unterworfen sind, um
die es sich nicht immer herumprogrammieren lässt. Die Karteikarten und day books
der Vergangenheit waren hingegen der Arbeit der Kuratoren nicht vorgeschaltet, son-
dern gingen unmittelbar aus ihr hervor und entsprachen den Vorgehensweisen und
Denkmustern derjenigen, die sie anlegten. Zum anderen verlangen digitale Daten-
banken nach systematischen Klassifizierungen, die für Museumsdinge nicht nur
schwierig zu bewerkstelligen sind, sondern einem klassischen, affektorientierten Mu-
seumsverständnis womöglich völlig zuwiderlaufen. In einem 2011 erschienenen
Aufsatz über Versuche zur Quantifizierung ästhetischer Phänomene betont Barbara
Flückiger, dass es hier nicht nur um Machbarkeitsfragen gehe, sondern um stark nor-
mativ geführte Debatten darüber, wie man sich zu Objekten künstlerischen Aus-
drucks in Beziehung setzen darf und wie nicht:
»Wer die eigentümliche Unschärfe, die allen künstlerischen Werken eignet, in messbare Ein-
heiten zerlegen will, der setzt sich leicht dem Verdacht des reduktionistischen Positivismus
aus.« (Flückiger 2011: 44)
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien