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Auf der anderen Seite gründet sich die herausgehobene Rolle des Museums schon
immer auf die Anbindung all seiner Vermittlungstätigkeit an ein wissenschaftlich va-
lidiertes Fachwissen, das unweigerlich systematisiert ist. Die Geschichtswissen-
schaft, die Archäologie, die Kunstgeschichte schaffen sich epochale, stilistische oder
methodische Unterscheidungen und strukturieren nach diesen nicht nur Wissen, son-
dern auch Kompetenzbereiche, innerhalb derer die Figur des ›Experten‹ überhaupt
erst entstehen kann. Konrad Becker schreibt hierzu:
Schon immer gab es eine intime Beziehung zwischen Wissen und Machtausübung; die Mög-
lichkeit der Einflussnahme liegt auch in der Autorität, etwas benennen zu können. Problemlö-
sung beinhaltet einen Prozess der Benennung von Fragen und Gegenständen, der den Rahmen
der Auseinandersetzung mit ihnen bestimmt. [...] Kategorisierung ist eine Art kognitives Voo-
doo. Der tief verwurzelte Glaube an eine von der Bannkraft der Namen verzauberte Welt, wo
das Universum durch Benennung und Ordnung beeinflusst wird. (Becker 2010: 183)
Dieses ›kognitive Voodoo‹ der Benennung hat, wie im letzten Kapitel schon darge-
legt wurde, für Becker ein politisches Element: Klassifizierungen schaffen Realitä-
ten, die den Anschein der Vorgefundenheit erwecken, tatsächlich aber das Machwerk
menschlicher Entscheidungen sind (vgl. ebd.: 184). Genau deshalb sieht Becker ja
im Fehlen von ›Regalen‹ das revolutionäre Potential von Google ‒ und in Kategori-
sierung schlechthin erst einmal einen Rückschritt gegenüber dem, was mittels Hyper-
und Cybertext eigentlich längst nicht nur möglich, sondern in weiten Teilen Wesens-
art digitaler Medien geworden ist (vgl. ebd.: 185).
Die Frage nach dem möglichen Nutzen Memex-artiger, hypertextueller Vernet-
zung von Datensätzen taucht in der Fachliteratur bisher allerdings so gut wie gar nicht
auf, wenn es um die Möglichkeiten und Gefahren digitaler Buchführung geht. Vor-
rangig wird hier in Begriffen von Klassifizierung und Verschlagwortung gedacht,
was möglicherweise nicht nur mit einem mangelnden Bewusstsein der Institution für
ihren Netzwerkcharakter zusammenhängt, sondern durchaus programmatisch sein
könnte: Während auf der Rezipientenseite Assoziation, Interpretation und mögliche
Irrungen auf den Pfaden der Deutung durchaus tolerierbar zu sein scheinen, verlangt
die Autorenseite nach Klarheit und Abgeschlossenheit. Wer in der Ausstellung eine
›Realität‹ feilbieten möchte, der muss eine Vorstellung davon haben, wie diese be-
schaffen sein soll ‒ unabhängig davon, wie explizit sie sich dann dem Publikum mit-
teilt und wie viel Gelegenheit man ihm einräumt, sie misszuverstehen. Guy Hermann
sah hierin schon 1997 eine zentrale Fehlentwicklung im Umgang von Museen mit
Datenbanken: Seit Beginn der Computerisierung seien Formatstandards ‒ insbeson-
dere proprietäre ‒ der Albatros um den Hals digitaler Sammlungen gewesen, der über
ihre Zukunftsfähigkeit ebenso entscheidet wie über ihre Fähigkeit, mit anderen
Sammlungen zu interagieren. Viele ursprünglich groß gedachte und weit in die Zu-
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien