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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 283
zwischen Malrauxs Überlegungen zur Verfügbarkeit fotografisch reproduzierter Kul-
turgüter und den sich mit der Digitalisierung verbindenden Hoffnungen auf univer-
selle Musealität im Internet ist, so wenig kommen wir um die Einsicht herum, dass
in virtuellen Museen eine Anzahl von Instanzen am Werk sein müssen, welche den
Zugriff auf Computerbilder nicht nur ermöglichen, sondern auch bändigen.
6.4.1 Authentizität als Virtualität
Der entscheidende praktische Unterschied zwischen einer analogen und einer digita-
len Fotografie (bzw. zwischen digitalen und analogen Bildern schlechthin) ist hier
die Tatsache, dass die klassische Fotografie ‒ auch wenn sie technik- und kulturge-
schichtlich im Kontext der Industrialisierung und der Massenproduktion steht ‒ dis-
tinkte, individuelle Objekte produziert und im Sinne Hannah Arendts eine Technik
des Herstellens von Gebrauchsgütern ist. Digitale Fotos hingegen sind in letzter Kon-
sequenz Zeitobjekte. Ihre physikalische Existenz beschränkt sich auf den Computer-
speicher, der von ihrem Informationsvolumen belegt wird. Alles darüber Hinausge-
hende ist das Ergebnis hochkomplizierter Aktualisierungsabläufe innerhalb des Com-
puters und seiner Peripheriegeräte, die aus diesen binären physikalischen Zuständen
Bilder generieren, die selbst keine physikalischen ›Dinge‹ sind. Ein analoges Ge-
mälde ist ein weitgehend souveräner Gegenstand. Die digitale Kopie desselben Ge-
mäldes ist als digitales Objekt eine Ansammlung von Eigenschaften, die ein Compu-
termonitor abzubilden imstande ist (vgl. Besser 1997: 116).
Howard Besser stellt in diesem Zusammenhang die sehr interessante These auf,
dass eigentlich erst unter dem Eindruck der digitalen Bilderzeugung deutlich wird,
wie sehr die analoge Fotografie und ihre Verbreitung im Druck noch im Zeichen des
Individuellen und der Materialität standen:
Photography has always seemed different from most previous art forms because multiple prints
may be made from a single negative, giving many people the impression that these prints are
identical to one another. Yet there is an artistry involved in in creating photographic prints from
negatives, and those involved with art photography recognize that two photographic prints from
the same negative are seldom identical. But digital photographs can be quickly and easily cop-
ied, and each copy can be absolutely identical to all the others. In fact, reproduction of digital
photography produces far more consistent copies than the manufacturing of dolls, cars, or other
types of commodities. (Ebd.: 116f.)
Die (Re-)Produktion digitaler Information unterliegt in Theorie und Praxis entspre-
chend gänzlich anderen ökonomischen Voraussetzungen als die analoger. Weil na-
hezu perfekte Duplikate derselben Inhalte ohne nennenswerten Aufwand erzeugt
werden können, ist die individuelle Kopie in ihrer Materialität nahezu wertlos:
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien