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der Codierung von Positions- und Farbkoordinaten ›versteht‹, die das entsprechende
Dateiformat verwendet (vgl. ebd.). Ähnliches gilt für Text- oder Audiodateien: Digi-
tale Daten ohne einen interpreter zu archivieren, wäre »analogous to saving hiero-
glyphics without a rosetta stone« (ebd.).
Der authentische Datenerhalt kann indes nicht immer nur auf Softwareebene ge-
währleistet werden. Auch den Verfall physischer Medien heißt es dabei miteinzukal-
kulieren. Magnetische Datenträger wie Festplatten, Floppy-Disketten und Magnet-
bänder verfügen ebenso wie optische CDs und DVDs über Lebensdauern, die weit
unter denen von Papier oder Mikrofilm liegen. Und nicht nur der Verfall dieser Me-
dien selbst ist problematisch, sondern auch jener der entsprechenden Ablesegeräte.
Die Bitströme auf einer zwanzig Jahre alten Diskette könnte auch ein zeitgenössi-
scher Rechner mit entsprechender Software noch auslesen ‒ nur kann man sie ihm
nicht zuführen, wenn kein entsprechendes Laufwerk mehr zur Verfügung steht. Wäh-
rend analoge Information lediglich einen »Schlüssel« ‒ wie eben den Stein von Ro-
sette ‒ benötigt, um in ihrer Codierung verständlich zu sein, hängt die Interpretier-
barkeit digitaler Daten von einer ganzen Infrastruktur ab. Entsprechend führt unter
praktischen Gesichtspunkten die Frage nach dem Wie der Erhaltung digitaler Authen-
tizität unweigerlich immer auch wieder zurück zum Ob, wenn es nämlich um die
Wirtschaftlichkeit eines solchen Unterfangens geht. Papier benötigt, sofern es keinen
selbstzerstörerisch hohen Säureanteil enthält, lediglich einen klimatisch günstigen
Lagerraum, um Jahrhunderte zu überdauern. Mikrofilm weist vergleichbar hohe Le-
bensspannen auf und benötigt grundsätzlich keine komplexere technische Anordnung
zu seiner Wiedergabe als eine Lichtquelle und ein Vergrößerungsglas. Computerda-
ten hingegen sind an Speichermedien gebunden, die gerade angesichts der rasant fort-
schreitenden Entwicklung digitaler Technik laufend obsolet werden. Dasselbe gilt für
Softwarestandards: Formate lösen einander ebenso ab wie Qualitätsvorstellungen.
Bild- und Videogrößen, die vor wenigen Jahren noch als ›hochauflösend‹ betrachtet
wurden, sind heute längst nicht mehr befriedigend. Digitale Erscheinungen sind in
ihrem Informationsgehalt endlich und genau vermessbar ‒ und wieviel Information
als ›viel‹ gilt, hängt sowohl von der zu ihrer Verarbeitung zur Verfügung stehenden
Technik als auch von wirtschaftlicher Zweckrationalität ab. Letztlich sind es nicht
etwa die Kulturwissenschaftler, sondern die Ingenieure, die darüber entscheiden, wie
viele Bits den Digitalisaten unserer materiellen Kulturschätze zustehen. Ein einmal
geschaffenes digitales Objekt lässt sich nur sehr bedingt aufskalieren5 und wird nie-
mals eine höhere informative Komplexität aufweisen als jene, in der es ursprünglich
5 Upscaling-Verfahren kommen z.B. bei digitalen HD-Fernsehern und Blu Ray-Wiederga-
begeräten zum Einsatz, um beim Abspielen von älterem Videomaterial unterhalb des HD-
Standards von 1920x1080 Bildpunkten das ›Verpixeln‹ zu verhindern. Upscaling ist hier
ein Sammelbegriff für eine Reihe von Software-Verfahren, die mathematisch Farbverläufe
zwischen den Pixeln des Ursprungsmaterials interpolieren und diesen Effekt abmildern.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien