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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 291
»access control«: Authentisch sind digitale Daten dann, wenn nur berechtige User
mit ihnen umgehen konnten (d.h. die Identität der Nutzer bei jedem Zugriff verifiziert
wurde), und alle an ihnen vorgenommenen Änderungs- oder Kopiervorgänge doku-
mentiert sind (vgl. ebd.). Die grundsätzlichste und naheliegendste Form der Zugriffs-
kontrolle ist die über passwortgeschützte Administrator- (oder kurz ›admin‹-)Benut-
zerkonten, die idealerweise mit einem klar identifizierbaren Einzelnutzer oder einer
kleinen Nutzergruppe assoziiert sind.
Eine solche Authentisierungsstrategie kann allerdings nur die Herkünfte und Ge-
nealogien von Kopien etablieren, bzw.: Sie kann Authentizität nur bis zur Master-
Kopie sicherstellen. Sollte es ein ihr vorgeschaltetes analoges Original geben, steht
dieses außerhalb der Authentisierungskette. Die Integrität der Kopie in Relation zu
einem physischen Vorbild ist durch jene indexikalische Unterbrechung kurzgeschlos-
sen, die alle digitalen Reproduktionsverfahren auszeichnet. Entsprechend weisen die
mit digitalen Abbildungsverfahren einhergehenden Authentizitätsprobleme auch
weit über das hinaus, was klassischerweise in den Kultur- und Geisteswissenschaften
unter dem Begriff der ›Fälschung‹ abgehandelt wurde und wird. Zwar hat es in der
Kunstgeschichte immer wieder spektakuläre und bisweilen für die Disziplin bla-
mable Fälschungsfälle gegeben, aber insgesamt ist die Nachahmung physischer
Kunstobjekte mit großem Aufwand verbunden und die Wahrscheinlichkeit einer
Aufdeckung der Fälschung relativ groß, sobald das Objekt in den Warenstrom des
Kunstmarktes gelangt und dem Blick von Fachleuten ausgesetzt ist. Materielle Ge-
genstände können auf verschiedensten Wegen auf ihre Echtheit hin überprüft werden
‒ bei einem Gemälde könnten z.B. die chemische Zusammensetzung der Farbe und
Leinwand oder Alterungserscheinungen Aufschluss darüber geben, ob es tatsächlich
aus der Region, Epoche oder Urheberschaft stammt, die ihm zugeschrieben wird.
Darüber hinaus wird keine analoge Kopie jemals völlig identisch mit dem Original
sein ‒ schon gar nicht bei einer handwerklich durchgeführten Kunstfälschung. Die
Bits im Informationsstrom einer Bilddatei können hingegen nicht nur völlig fehlerfrei
reproduziert werden, sie sind darüber hinaus auch mit keiner erkennbaren Provenienz
versehen. Im Gegensatz zur Farbe auf einer Leinwand, die eine autonome Dinglich-
keit aufweist und daher aus einer Herstellungs-Situation hervorgegangen sein muss,
sind sie lediglich logische Funktionsvariablen, die einen von zwei Werten annehmen
können. Von daher kann man sie gar nicht ›fälschen‹: Ist eine Datei mit der Master-
kopie bitidentisch, dann kann sie völlig zu Recht als authentische Kopie gelten ‒
auch, wenn sie tatsächlich von Affen zusammengetippt wurde.
6.4.4 Manipulierbarkeit und Formatierung digitaler Objekte
Nun sind diese ontischen Probleme natürlich eher ein Problem für die Medientheorie
und haben nicht unbedingt Auswirkungen darauf, wie wir im Alltag mit digitalen
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien