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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 293
befinden (uffizi.it selbst stellt das Gemälde in einer maximalen Auflösung von
2500x1560 Pixeln zur Verfügung6), und selten geht der Quellennachweis auf privaten
Seiten über den Titel des Gemäldes, den Namen des Künstlers und vielleicht noch
den Ausstellungsort hinaus. Wie die spezifische Abbildung zustande gekommen ist
‒ ob es sich um eine direkte Fotografie oder um einen Scan aus einem Bildband han-
delt, von wem die ursprüngliche Fotografie wann aufgenommen wurde, welche
Technik bei der Ablichtung zum Einsatz kam (vielleicht die wichtigste Frage von
allen!) ‒ all dies bleibt üblicherweise unbeantwortet.
Viel gravierender als das Problem der ›Fälschung‹ (und damit implizit natürlich
auch einer ›Echtheit‹, welche digitale Kopien so gar nicht aufweisen können) ist also
die Verzerrung des Objektes durch die Vielfalt seiner Reproduktionen und der Kon-
texte, in denen sie präsentiert werden. Dieses Verwischen kultureller Objekte ist si-
cherlich schon in den Benjamin᾿schen Thesen zur technischen Reproduzierbarkeit
und in Malrauxs Imaginärem Museum auszumachen. Mit Computerbildern erlangt
es allerdings nach Bearman und Trant eine neue Qualität: Die Bearbeitung von Fo-
tografien sei so einfach geworden, dass irreführende Manipulation nicht mehr die
Ausnahme sei, sondern von uns im Umgang mit fotografischen Abbildungen buch-
stäblich erwartet werde ‒ so, wie in der analogen Fotografie nach und nach die kos-
metische Retusche zur Normalität geworden sei. Bearmans und Trants denken damit
also über die indexikalischen Implikationen digitaler Bilderzeugung noch hinaus.
Das digitale Bild verweist ihnen zufolge nicht nur nicht länger unzweifelhaft auf eine
Entstehungssituation, sondern es steht von vorneherein im Zeichen einer Normalität
der Täuschung:
New digital works are also challenging our concept of authentic representations, particularly in
realms such as photography, where digital manipulation has extended the practice of retouching
photographic prints beyond cosmetic to the misleading. Our faith in »visual documentation« is
changing, as we learn of nature photographers cloning zebras, and moving pyramids; in some
venues, such as Wired, digital manipulation is expected. (Ebd.)
Clifford Lynch spricht hier von einem »pervasive deceit« (Lynch 2000), der die we-
sentliche Eigenart aller digitalen Medien sei. Diese alles ›durchdringende Irrefüh-
rung‹ ist natürlich schlicht eine Erscheinungsform des Virtuellen, und zwar im Sinne
einer Behauptung der Anwesenheit des Abwesenden. Lynch wischt damit die Mög-
lichkeit einer Authentizität digitaler Daten allerdings nicht etwa beiseite, sondern un-
terstreicht vielmehr, dass sie eine besonders rigorose Beweisführung benötige, um
sich sowohl gegen konkurrierende nicht-authentische Daten als auch gegen das Miss-
trauen zu behaupten, dass ihrer Trägertechnologie schlechthin entgegenschlägt.
6 Vgl. https://www.uffizi.it/en/artworks/birth-of-venus vom 19.05.2018.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien