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294 | Dinge – Nutzer – Netze
Will man die Authentizität eines Dokuments oder eines materiellen Gegenstandes
im »Meatspace«, also in der physischen Wirklichkeit überprüfen, so gibt es nach
Lynch typischerweise vier Herangehensweisen, derer wir uns bedienen können. Die
Erste wäre eine Untersuchung der Herkunft des Objektes ‒ also der Dokumentation
der Aufbewahrungsgeschichte, sollte eine solche vorliegen. In einem zweiten Schritt
wäre dann zu klären, in wieweit einer solchen Dokumentation und den verantwortli-
chen Aufbewahrenden überhaupt zu trauen ist. Es geht hier also um Metadaten ‒ und
zugleich um den vertrackten Sachverhalt, dass auf diesem Wege das Authentizitäts-
problem natürlich nur weitereskaliert wird und sich nun die Frage nach der Authen-
tizität von Metadaten zusätzlich zu jener nach der des eigentlichen Objektes stellt.
Die zweite Herangehensweise ist nach Lynch daher die der Untersuchung des Doku-
mentes oder Gegenstandes selbst auf seine Form und seinen Inhalt hin. Hier gilt es
herauszufinden, ob diese Merkmale bestimmten, vorab gesetzten Authentizitätskrite-
rien gerecht werden. Das dritte Vorgehen funktioniert ähnlich, bezieht sich aber we-
niger auf das eigentliche Objekt als auf seine unmittelbare Peripherie, wie z.B. Un-
terschriften, Siegel und sonstige Elemente, die ebenfalls auf ihre Stimmigkeit mit der
behaupteten Herkunft hin zu prüfen sind. Das vierte Verfahren geht vergleichend vor:
Hier wird das Objekt ähnlichen Gegenständen gegenübergestellt, deren Authentizität
bereits anderweitig etabliert werden konnte. Dieses Verfahren ist besonders nützlich
bei solchen Objekten, die aus der industriellen Massenfertigung hervorgegangen sind
(vgl. ebd.).
Zugleich beobachtet Lynch hier eine Zuspitzung der Authentifizierungsstrategien
aus dem Konkret-Materiellen ins Abstrakt-Inhaltliche: Es gibt eine Authentizität der
Echtheit, und eine der Wahrheit. Ein äußerlich authentisches Dokument kann prob-
lemlos einen absurden oder erlogenen Inhalt aufweisen, und umgekehrt kann ein in-
authentisches Dokument die volle Wahrheit enthalten. Es gibt daher eine aufstei-
gende Hierarchie der analytischen Zugänge beim Umgang mit historischen Überres-
ten: Die erste und grundlegende Ebene ist die forensische, auf der es ganz schlicht
um die Etablierung der materiellen Echtheit geht. Die zweite Ebene ist die Diploma-
tik, bei der die Historizität und damit das Problem im Vordergrund steht, ob das Ob-
jekt wirklich in den konkret behaupteten Entstehungskontext gehört. Die dritte Ebene
wäre die intellektuell-logische Analyse der inneren Plausibilität und Konsistenz des
Objektes. Viertens schließlich geht es dann um die Bestimmung der Wahrheitstreue
und ›Richtigkeit‹ des Inhaltes (sofern es sich bei dem Objekt um eines handelt, auf
das solche Kategorien anzuwenden sind). Die beiden ›höheren‹, diskursiv-inhaltli-
chen Ebenen sind für Lynch bei digitalen Datenressourcen weniger problematisch,
weil inhaltliche Analysen auf Wahrheitskriterien hin auch innerhalb eines digitalen
Objektes möglich seien. Die beiden ›niedrigeren‹ Ebenen ‒ Forensik und Diplomatik
‒ seien hingegen die schwierigen, weil sie klassischerweise das Zugegensein des ma-
teriellen Gegenstandes erforderten (vgl. ebd.).
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien