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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 299
befinden. Zugleich aber müssen einem virtuellen Museum ganz ähnliche Fragen ge-
stellt werden wie einem physischen, wenn man sein Wirken als Dispositiv verstehen
will: Wie organisiert es Sichtbarkeiten und Sagbarkeiten? Wen lässt es sprechen, wen
schweigen? Wie führt es Objekte zueinander und Betrachter zu Objekten? Und wie
genau werden alle diese vernetzten Einzelelemente zusammengeführt, um welche
Spielart des Musealen zu evozieren?
6.5 DIE DISPOSITIVE DES VIRTUELLEN MUSEUMS
Hier muss zunächst die ganze Tragweite der Tatsache ins Auge gefasst werden, dass
das virtuelle Museum eben weder einen Ort noch ein Gebäude hat, die es beherbergen
‒ und dass wir natürlich dennoch auch im Umgang mit digitaler Technik Wesen mit
analogen Körpern bleiben, die sich im physikalischen Raum aufhalten. Dementspre-
chend erleben wir natürlich auch virtuelle Museen innerhalb von Räumen, und zwar
bezeichnenderweise meist solchen, die keineswegs museal sind. Das virtuelle Mu-
seum kann uns im Gegensatz zum physischen kein außeralltägliches soziales Setting
auferlegen, das in einer baulichen Separation von der Außenwelt evident wäre. Statt-
dessen ist sein räumlicher Schauplatz immer der, in dem sich das deck befindet, mit-
tels dessen es technisch aktualisiert wird. Natürlich sind Dispositive niemals ab-
schließbar oder gar souverän, und auch das physische Museum bildet hier keine Aus-
nahme. Allerdings ist seine architektonische und institutionelle Erscheinung sehr
dazu angetan, es dem Besucher als ein geschlossenes System erscheinen zu lassen,
das ›offen‹ allenfalls zu jener Vergangenheit ist, deren Überreste es im Empfang
nimmt, bewahrt und ausstellt. Gerade darin begründet sich ja das Gegenweltliche und
Halbsakrale, das Paul Valéry als so irritierend empfindet und in dem Krysztof Pomian
das Vermächtnis des Musentempels erkennt.
Das virtuelle Museum hingegen kann sich nicht dem Sachverhalt entziehen, dass
seine innere Dispositivstruktur, wie immer sie auch aufgebaut sein mag, nur ›begeh-
bar‹ ist innerhalb einer äußeren, die ganz und gar alltäglich bleibt. Die Computer, mit
denen wir im Netz surfen, stehen in unseren Arbeits- und Wohnzimmern, wir benut-
zen sie auf Parkbänken und in Restaurants, bei der Arbeit und in der Freizeit, nehmen
sie zuweilen gar mit ins Bett. Die in der Cyberspace-Idee anklingende und im Hin-
blick auf die von uns an digitale Medien gerichteten Erwartungshaltungen immer
noch oft nachwirkende Vorstellung vom Virtuellen als medialem Ausnahmezustand
bildet unsere Medienpraxis längst nicht mehr ab. Als Technologie sind Computer für
uns nicht weniger alltäglich als Staubsauger, Toaster, Automobile oder Heizkörper.
Wir gehen mit ihnen um, ohne sie noch wahrzunehmen ‒ und damit sind sie eben
Gebrauchsgegenstände des Aktionsraumes. Anette Spohns Feststellung, das Web
schule uns auf eine das ›Übersehen‹ ins Zentrum stellende Wahrnehmung, beschreibt
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien