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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 307
die konkreten Ausstellungsinhalte weitgehend so erlebt, wie es vom Kuratorium ge-
wünscht ist, dabei aber beklagenswert schlecht vorbereitet wird auf einen Wissens-
erwerb in Gefügen, in denen solche Autorschaften nicht mehr gegeben sind. Um an-
gesichts der epistemischen, pädagogischen und sozialen Implikationen des Internets
relevant bleiben zu können, müsse das Museum nach Anderson ein ganz neues
Selbstverständnis entwickeln: als Teil eines Ökosystems von Wissensinstitutionen,
von denen keine monumental abgeschlossen sein kann, sondern jede einzelne nur
eine Durchgangsstation auf den Bildungswegen ihrer individuellen Besucher dar-
stellt. Das virtuelle Museum bedeutet in diesem Entwurf von der Rolle des Museums
die Chance einer viel größeren Präsenz der Museen in der Lebenswelt der Öffentlich-
keit, der sie dienen sollen (vgl. ebd.).
6.5.3 Roy Ascotts ›postmuseales Szenario‹
Eine sehr viel radikalere Vision von den Fernzielen der Museumsvirtualisierung ent-
wirft der britische Computerkünstler Roy Ascott. Seine Überzeugung ist, dass das
›ursprüngliche‹ Museum ein Ort kreativer Entfaltung und damit des Wandels gewe-
sen sei, während das Museum der Moderne diese Funktion ins Gegenteil verkehrt
und sich als konservativer Wertespeicher neu erfunden habe, dem es weniger um In-
halte ginge als um die Etablierung einer bestimmten Machtsituation zwischen Insti-
tution und Rezipient. Er schreibt:
Bevor ich jedoch das postmuseale Szenario darstelle, will ich die Frage stellen, was der Raum
des Museums gewesen war, bevor es Museen gegeben hat. Das führt uns weit in die Vergan-
genheit zurück. Ich nehme an, daß es der Ort des kollektiven Gedächtnisses, der Feier oder
sogar des Hedonismus, der Ort kreativer Imagination, der Gefahr und des Wagemuts gewesen
ist. Es war der Ort der Transformation, besonders der geistigen Transformation, der in Bildern
zum Ausdruck kam, die den Körper veränderten. Irgendwann im Laufe der Geschichte hat das
Museum, wie ich glaube, dieses Erbe verloren. Es sollte ausschließend, konservativ, sogar vor-
sichtig werden. Es ging mehr um Gültigkeit als um Wert, mehr um Gewißheit als die Integra-
tion des Ungewissen. Das geschah nicht immer und nicht überall. Es schlug jedoch die falsche
Richtung ein, als das Museum sich den Werten der alten Industriekultur anpaßte, einer Kultur
des Ausschlußes, der Fragmentierung, des vereinheitlichten Selbst, der Angst, der Entfrem-
dung, des exzessiven Individualismus, der Privatheit und der Geheimhaltung, also einer para-
noischen Gesellschaft. (Ascott 1996)
Es wird hier nicht vollkommen klar, zu welcher Vergangenheit des Museums genau
Ascott seine Gegenwart in Kontrast zu setzen versucht. Wie das zweite Kapitel dieser
Arbeit deutlich machen konnte, war das Museum zu keiner Zeit seiner Geschichte
nicht in politische Agenden verstrickt ‒ und die Vorstellung vom Museum als Ort
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien