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Sie wären den Kreisläufen des intellektuellen Wachstums und Wandels unterworfen und wür-
den unsere sich verändernden Perspektiven, Werte und Interessen spiegeln. Der Garten der
Hypothesen ist für die technoetische Kultur und für die Welt des Künstlichen Lebens und des
Künstlichen Bewußtseins, für den Hyperkortex und die menschliche Cyberwahrnehmung, was
die neo-georgianischen und Prunkbehälter des alten Museums für die cartesianische Konfor-
mität der klassischen Kultur waren. (Ebd.)
6.5.4 Das Museum als Akteur-Netzwerk
Während die unsteten Netzstrukturen des Rhizoms allerdings in erster Linie Ideen,
Konzepte und Menschen miteinander verbinden und die Technik im Grunde nicht
auftaucht bzw. allenfalls als passives Mittel der Vernetzung zu denken ist, spielt sie
bei Ascott eine herausragende und dezidiert proaktive Rolle. Sie ist kein ›Äußeres‹
mehr, das Kommunikation zwischen Menschen hin und her trägt, sondern Teil einer
Meta-Intelligenz, in welcher die Grenzen zwischen ihr, dem Menschen und den In-
halten verschwimmen. So sehr Ascotts Szenario in Sprache und Dimension die Merk-
male eines salbungsvollen Techno-Utopismus tragen mag: Das hier projizierte Ver-
hältnis zwischen Menschen und ihren Technologien ist ein in unserer Lebenswelt
durchaus evidentes, das seine wohl bekannteste und folgenreichste Systematisierung
und theoretische Durchdringung in der Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours er-
fahren hat.
Latours theoretisches Gebäude will dabei tatsächlich den Netzwerkbegriff wieder
ablösen von der massiven Technisierung, die er seit dem Aufkommen von Compu-
ternetzwerken erfahren hat. Auf der Hardware-Ebene nämlich sind Computernetz-
werke, so stellt Latour fest, extrem starre und hierarchische Gebilde, weil zwischen
den einzelnen Rechnern eine notwendig materielle Verbindungsstruktur besteht, die
zentral geplant und baulich umgesetzt werden muss (vgl. Latour 1996: 2). Zugleich
aber will Latour sich mit der Akteur-Netzwerk-Theorie auch vom Studium sozialer
Netzwerke abgrenzen, wie es in Jakob Morenos Soziometrie betrieben wurde. Dieser
Ansatz nämlich verliert sich nach Latours Einschätzung zu sehr in der Untersuchung
der Beziehungen zwischen individuellen menschlichen Akteuren und sei aus dem
(durchaus legitimen) Bedürfnis hervorgegangen, staatlichen Verwaltungsbürokratien
und übermäßig global angelegten soziologischen Theoriegebäuden einen Blick auf
die Einzelperson (und damit ›den Menschen‹) entgegenzusetzen (vgl. ebd.). Die Ak-
teur-Netzwerk-Theorie will indes den Blick auf »Aktanten« richten, die weder zwin-
gend Menschen, noch Individuen sind (vgl. ebd.).
Was Latour damit anstrebt, ist eine Betrachtung der »Essenz« (ebd.) von sozialer
und natürlicher Welt ‒ nicht etwa eine Neubewertung von Netzwerken innerhalb der
Sozialtheorie, sondern eine komplette Neukonstruktion aller Sozialtheorie aus der
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien