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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 315
zentral unter Mitwirkung aller beteiligten Akteure, die ihrerseits selbst netzartig be-
schaffen sind (vgl. ebd.). Und weil Dinge nur mehr das Produkt des Umgangs mit
ihrer Repräsentation sind, gibt es keine äußere Referenz mehr, an der man ihr ›We-
sen‹ festmachen könnte. Jeder Blick auf das Netzwerk, jeder Versuch, es zu erklären
oder beschreiben ‒ ob er nun von innen oder von außen kommt ‒ ist nur so gut oder
so schlecht wie jeder andere. Die Perspektive des Analytikers ist nur mehr eine unter
vielen (vgl. ebd.: 12) ‒ und jeder Versuch der Analyse berührt und verändert unwei-
gerlich seinen Gegenstand (vgl. ebd.: 13):
As I said above there is not a net and an actor laying down the net, but there is an actor whose
definition of the world outlines, traces, delineate, limn, describe, shadow forth, inscroll, file,
list, record, mark, or tag a trajectory that is called a network. No net exists independently of the
very act of tracing it, and no tracing is done by an actor exterior to the net. A network is not a
thing but the recorded movement of a thing. The questions AT addresses have now changed. It
is not longer whether a net is representation or a thing, a part of society or a part of discourse
or a part of nature, but what moves and how this movement is recorded. (Ebd.: 14)
Aus der Warte von Latours Theorie erscheint das Museum natürlich ganz unweiger-
lich als ein Akteur-Netzwerk, in dem Kuratoren, Besucher, Dinge, Architekturen und
Technologien laufend miteinander umgehen und die Vektoren eines Sinnsystems ent-
stehen lassen, in dem jedes Teilchen grundsätzlich die Fähigkeit zur Proaktivität be-
sitzt. Selbst die Wände des Museums sind insofern keine passive Grenze der Institu-
tion, sie sind vielmehr Aktanten, die semiotisch die Unterscheidbarkeit des Netz-
werks ›Museum‹ von benachbarten, ihm teils ähnlichen, teils sehr von ihm verschie-
denen Netzwerken etablieren. Der Wert der Akteur-Netzwerk-Theorie ist für diese
Studie (und speziell die nun folgenden Betrachtungen des Fallstudienkapitels) daher
vor allem folgender: Sie fragt nicht nach dem definitorischen ›Wesen‹ gesellschaft-
licher Einrichtungen, sondern nach den Bedingungen ihrer kommunikativen und se-
miotischen Hervorbringung ‒ und damit ihrer ›Essenz‹ oder dem, was Ascott wo-
möglich meint, wenn er im Titel seines Traktates über das postmuseale Szenario vom
»Geist des Museums« spricht. Aus der Sicht der Akteur-Netzwerk-Theorie ist die
Frage nach der Möglichkeit eines Museums auf der Grundlage des World Wide Web
allein dank der Existenz des Begriffs vom ›Virtuellen Museum‹ bereits zu bejahen:
Mit ihr existiert eine Bezeichnung für Netzwerke, die von den Akteuren dieser Netz-
werke mit Bedeutung gefüllt werden kann. Interessant ist damit nicht, was ein virtu-
elles Museum ist oder nicht ist, sondern wie es sich selbst in unsere soziale Wirklich-
keit hineinkommuniziert: »[…] AT is not about traced networks, but about the net-
work-tracing activity.« (ebd.: 14) Und damit geht es letztlich nicht um Strukturen,
sondern um Bewegungen.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien