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Gemälde selbst als Teil einer Menschenmenge dargestellt hat. Interpretationen und
Deutungen der Kunstwerke werden indes nicht eingebracht.13 Seitlich dieses Haupt-
teiles befindet sich bei den meisten Exponaten noch eine Leiste, über die Detailan-
sichten der Objekte aufgerufen werden können. Hierbei kann es sich um bemerkens-
werte Aspekte handeln, die man gemeinhin am Gesamtbild übersehen würde, oder
auch nur um Beschädigungen.
In dieser Nutzung mehrerer digitaler Bilder zur Darstellung einzelner Objekte
knüpft das Getty an epistemische Eigenschaften von Reproduktionen an, die in dieser
Studie wiederholt behandelt wurden: Die ent-auratisierte Kopie lädt zu allerlei kon-
struktiven Manipulationen ein. Vergrößerungen, Zeitlupen und Ausschnitte sind
nicht notwendigerweise Beschädigungen des Kunstwerkes, sondern vielmehr sehr
bewusste explorative Auseinandersetzungen mit ihm. Sie ermöglichen konzentrierte
(und damit auch im Assmann᾿schen Sinne lange) Blicke auf das Objekt, die seine
feineren Strukturen offenlegen und Rückschlüsse auf seine Entstehungsbedingungen
zulassen. André Malraux spricht von einer Befreiung des Kunstwerkes aus seiner
Befangenheit durch die »imaginären Über-Künstler« (Malraux 1960: 42): Im imagi-
nären Museum werden einstmals singulär-abgeschlossene Kunstwerke zu einer
»Folge der Abbildungen, die einen Stil so unmittelbar verlebendigen wie der Zeitraf-
fer eine Pflanze im Film« (ebd.).
Indes präsentiert sich der Getty-Webauftritt eher als funktionale Erweiterung des
Kunstbuches oder des Ausstellungskatalogs denn als ein Versuch der Übertragung
musealer Präsentationsmodi auf das Web. Interessant ist er als einleitendes Fallbei-
spiel hier vornehmlich aus zwei Gründen, von denen der eine institutioneller, der
andere konzeptueller Natur ist. Erstens nämlich ist getty.edu das professionell gestal-
tete und betriebene virtuelle Vorfeld einer etablierten und finanzstarken Mutterinsti-
tution. Als solches existiert es als Präsentationsplattform für museale Inhalte in di-
rekter Beziehung zu einem physischen Museumskomplex und seinen spezifischen
Ausstellungssituationen. Zweitens aber unternimmt die Webseite keinerlei Anstren-
gungen, diese auch nur entfernt oder abstrakt abzubilden. Das Getty präsentiert sich
auf seiner Homepage weniger als ein Museum denn als ein Archiv von verschlagwor-
teten Abbildungen mit Textbeigabe, das technisch wiederum als eine durchkategori-
sierte Datenbank aufgebaut ist. Getty.edu überträgt weder das Dispositiv Museum im
Allgemeinen, noch seine spezifische Erscheinungsform im J. Paul Getty Museum auf
das virtuelle Medium. Insofern stellt diese Webpräsenz gewissermaßen trotz der
quantitativen Fülle seiner Inhalte tatsächlich eine Minimalform des virtuellen Muse-
ums dar: Ihre Inhalte werden nicht im Web durch Präsentationspraktiken ›museali-
siert‹, sondern ihr musealer Charakter wird vorausgesetzt – und verbürgt durch die
13 Vgl. http://www.getty.edu/art/gettyguide/artObjectDetails?artobj=192074 vom
09.09.2015.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien