Seite - 346 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Bild der Seite - 346 -
Text der Seite - 346 -
346 | Dinge – Nutzer – Netze
– und zwar nicht nur für die Betrachtung durch ein Publikum, sondern auch für ihre
Weiternutzung innerhalb der Grenzen geltenden Urheberrechts. Europeana macht
sich für eine Überführung digitalisierten Kulturerbes in die public domain stark und
lobbyiert bei europäischen Entscheidungsträgern für eine Flexibilisierung von Copy-
right-Gesetzen. Ziel ist es, bis 2020 sowohl beim Publikum als auch bei den Institu-
tionen zur ersten Anlaufstelle zu werden, wenn es darum geht, Kulturerbe zu digita-
lisieren oder in digitaler Form abzurufen. Die dritte Priorität schließlich betrifft die
Frage nach Nutzen und Schaden von Virtualisierung für die teilnehmenden Einrich-
tungen: Europeana strebt an, innerhalb seines Netzwerkes von Endnutzern und Pro-
duzenten nach allen Richtungen Mehrwerte fließen zu lassen. Die teilnehmenden
Häuser sollen im Austausch für ihre Inhalte eine größere Sichtbarkeit und eine Sen-
kung der eigenen Verwaltungskosten durch ihren Anschluss an eine geteilte Doku-
mentationsinfrastruktur erhalten. Nicht zuletzt stellt ihnen Europeana auch die Ver-
netzung mit privatwirtschaftlichen Akteuren zum beiderseitigen Vorteil in Aus-
sicht.65
Das Projekt bezeichnet sich mittlerweile auch nicht länger als digitale Bibliothek,
sondern als ein institutionsübergreifendes »single-access digital museum, library and
archive for Europe – a place where you᾿re invited to look back at the great achieve-
ments of the past«.66 In dieser Rolle will Europeana ausdrücklich kein »Portal« sein,
das lediglich die Auffindbarkeit digitaler Objekte gewährleistet, sondern strebt den
Ausbau seiner Soft- und Hardwareinfrastruktur zu einer »multi-sided platform« an,
die nicht nur Inhalte vernetzt und präsentiert, sondern auch die Menschen, die mit
diesen Inhalten arbeiten möchten.67 Dieses Modell orientiert sich ganz bewusst an
kommerziellen Web-Angeboten, die nicht etwa eigene Produkte feilbieten, sondern
deren Service darin besteht, Menschen mit übereinstimmenden Interessenlagen zu-
sammenzubringen: Ganz konkret nennt die Strategy 2020 das Unternehmen Airbnb,
das der Hotelbranche Konkurrenz machen will, indem es Menschen auf der Suche
nach Übernachtungsmöglichkeiten mit solchen in Kontakt treten lässt, die kurzfristig
Wohnraum zu vermieten haben. Europeana will auf vergleichbare Art Menschen, die
produktiv mit Kulturerbe umgehen möchten, mit den Institutionen ins Gespräch brin-
gen, die es sammeln, erhalten und ausstellen. Die ›mehrseitige Plattform‹ wird dabei
nicht nur rhizomatisch gedacht, sondern im besten Sinne des Latour᾿schen Akteur-
netzwerks als ein System, das die Subjekt-Objekt-Trennung zwischen menschlichen
Kommunizierenden und den technischen Infrastrukturen ihrer Kommunikation ver-
wischt. Die Architektur dieses Systems wird in zwei Schichten gedacht, die als core
und access layer bezeichnet werden.68
65 Ebd.
66 Ebd.
67 Vgl. ebd.
68 Vgl. ebd.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien