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Fallstudien | 371
Dieser Schock scheint keineswegs ein zufälliger Nebeneffekt von Beshids Museums-
philosophie zu sein, sondern programmatisch in ihrem Zentrum zu stehen. Ganz und
gar nicht trivial sind seine einleitenden Sätze zu den Porträts:
Because the identities of the subjects in these portraits are a mystery, they become portraits of
humanity instead of individuals. They are an excellent representation of the cultural diversity
of Los Angeles.157
Interessanterweise verortet Beshid also das Universelle der Exponate gerade in ihrer
Hyperindividualität, die sie für den Besucher nur noch sehr begrenzt anschlussfähig
sein lassen kann. Das Museum of Fred wird damit – trotz seiner technischen und
ästhetischen Einfachheit – zu einer sehr pointierten Form von virtuellem Museum,
welche die Virtualität des Mediums nutzt, um die Virtualität der Exponate zu unter-
streichen. Im Mehrwert des Unbestimmten manifestiert sich dabei zugleich das Au-
thentische: Die Echtheit der Ausstellungsstücke des MoF äußert sich nicht in ihrer
Herkunftsdokumentation, sondern in deren Fehlen, das gerade zum Beweis der Tat-
sache wird, dass die Objekte den unerzählten und unerzählbaren Lebensgeschichten
wirklicher Personen entstammen. Viel mehr noch als das von Expertendiskursen um-
sponnene Kulturerbe, das wir in klassischen Kunstmuseen bewundern dürfen, unter-
streichen sie Malrauxs Feststellung von der Transformation des Werkes durch den
Verlust der Welt, der Zeit und der Räume, in denen es entstanden ist.
Auf diesen Umstand führt Beshid auch den Mangel an Interesse an Amateurkunst
seitens der professionellen Kunstkritik und der wissenschaftlichen Kunstgeschichte
zurück. Sie widersetze sich zu sehr der Kategorisierung und Objektivierung:
It seems scholars like to put things in tidy little boxes so we have a context in which to discuss
ideas. The diversity of amateur art makes classification difficult so it᾿s left out of art criticism,
theory and discourse.158
Das MoF ist im besten Sinne des Wortes ein virtuelles Museum, weil es das Unsicht-
bare sichtbar werden lässt und das Abwesende vergegenwärtigt: Es konfrontiert uns
mit Objekten, die wir auf anderem Wege niemals zu Gesicht bekommen würden und
hält uns an, sie auf eine Art zu betrachten, die ihnen in ihrer ›natürlichen‹ Umgebung
niemals zuteilwerden würde. Im Gegensatz zu Stefan Slabihoud plant Fred Beshid
indes keine physische Ausstellung seiner Sammlung: »Yes, there᾿s a physical MoF.
No, you can᾿t visit it because it᾿s in my living room.«159
157 http://www.museumoffred.com/portraits.html vom 15.11.2015.
158 http://www.museumoffred.com/faq.html vom 15.11.2015.
159 Ebd.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien