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7.4.2 Das Internet Archive (www.archive.org)
Das Internet Archive entstand im Jahre 1996 zunächst als eine gemeinnützige Orga-
nisation mit dem Vorsatz, »historians, scholars, people with disabilities, and the ge-
neral public« den Zugriff auf »collections that exist in digital format« in Form einer
Bibliothek von Online-Texten zu ermöglichen.177 1999 weitete das Projekt seine
Sammeltätigkeit über Texte hinaus auch auf Tondateien, bewegte und unbewegte
Bilder sowie – mittlerweile womöglich das wichtigste und hier noch gesondert zu
diskutierende Sammlungsgebiet von archive.org – Webseiten aus. Der Kernauftrag
des Internet Archive ist seitdem schlechthin die Bewahrung des digitalen Kulturerbes
der Menschheit. Gerechtfertigt wird dieser Anspruch in Anlehnung an traumatische
Momente aus der Geschichte physischer Medien:
Libraries exist to preserve society᾿s cultural artifacts and to provide access to them. If libraries
are to continue to foster education and scholarship in this era of digital technology, it᾿s essential
for them to extend those functions into the digital world. Many early movies were recycled to
recover the silver in the film. The Library of Alexandria – an ancient center of learning con-
taining a copy of every book in the world – was eventually burned to the ground. Even now, at
the turn of the 21st century, no comprehensive archives of television or radio programs exist.
But without cultural artifacts, civilization has no memory and no mechanism to learn from its
successes and failures. And paradoxically, with the explosion of the Internet, we live in what
Danny Hillis has referred to as our »digital dark age«.178
Angesichts der Gefahr, dass sich vergangene Biblioklasmen an digitaler Information
wiederholen könnten, will archive.org dem Internet seine Flüchtigkeit nehmen: Es
gelte, so die about-Seite des Projekts, das Entschwinden des WWW und anderer »di-
gital geborener«179 Inhalte in die Vergangenheit zu verhindern. Das Internet Archive
kollaboriert zu diesem Zweck mit namhaften Kulturinstitutionen wie der Library of
Congress und dem Smithsonian Museum und stellt seine Bestände zur freien Weiter-
verwertung durch Jedermann bereit. Das Selbstbild ähnelt also augenscheinlich je-
nem Europeanas. Während Europeana allerdings die Digitalisierung materieller
Kulturgüter vorantreiben möchte und vor allem ein Abruf-Paradigma in den Vorder-
grund stellt, das Nutzern räumlich weit entfernte und nicht akut vom Verschwinden
bedrohte Kulturgegenstände naherücken lässt, zielt archive.org in erster Linie auf
eine Speicherfunktion ab. Archive.org sammelt das, was gegenwärtig schon digital
vorhanden und verfügbar ist – es aber morgen womöglich nicht mehr sein könnte.
177 Vgl. https://archive.org/about/ vom 02.01.2016.
178 Ebd.
179 Ebd.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien