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380 | Dinge – Nutzer – Netze
noch ist sie in irgendeiner Form zu lernen imstande. Tatsächlich versteht sie nur eine
einzige Angabe ‒ nämlich URL-Adressen. Gibt man eine solche in das Suchfeld ein
und hat das Internet Archive Webseiten unter der betreffenden Domain archiviert, so
öffnet sich eine Kalenderseite, auf der Schnappschüsse der Seite zu unterschiedlichen
Zeitpunkten ihres Bestehens ausgewählt werden können. Um nämlich der Veränder-
lichkeit des WWW gerecht werden zu können, werden Webseiten nicht nur einmal,
sondern in einigermaßen regelmäßigen Abständen immer wieder archiviert. Dabei
erwischen die Webcrawler natürlich nicht jede Seite, die jemals online war ‒ und
auch die gespeicherten sind nicht immer vollständig. Häufig fehlen z.B. Bilder, die
nicht unter derselben Serverdomain abgespeichert waren wie die Webseite selbst,
oder auch Flash- und Java-Applikationen, die von Software auf anderen Hostrechnern
abhängig waren. Darüber hinaus kann Archive.org keine Seiten kopieren, die hinter
Passwortschranken verborgen sind ‒ E-Mails und Chatverkehr, aber auch Kunden-
konten auf kommerziellen Webseiten (das gesamte sog. deep web) sind dementspre-
chend geschützt.192
Trotz solcher Hürden muss die Legitimität einer solchen digitalen Sammelwut
natürlich hinterfragt werden. Das Internet Archive sieht sich grundsätzlich im Recht
damit, jede öffentlich sichtbare Seite im Web zu kopieren und verfügbar zu halten ‒
wer seine Inhalte nicht archiviert sehen möchte, der kann dies über einen Eintrag in
der sog. robots.txt-Datei der Site verhindern. Die im Schnitt extrem kurze Lebens-
spanne von Webseiten mache es unmöglich, die Archivierungstätigkeit differenzier-
ter zu organisieren und über die Bewahrungswürdigkeit von Seiten individuell zu
entscheiden:
The Archive collects Web pages that are publicly available, the same ones that you might find
as you surfed around the Web. We do not archive pages that require a password to access, pages
that are only accessible when a person types into and sends a form, or pages on secure servers.
Pages tagged for robots.txt exclusion (for User-Agent: ia_archiver) by their owners are ex-
cluded from the Wayback Machine. […] Given the rate at which the Internet is changing the
average life of a Web page is only 77 days. If no effort is made to preserve it, it will be entirely
and irretrievably lost. Rather than let this moment slip by, we are proceeding with documenting
the growth and content of the Internet, using libraries as our model.193
Auch Archive.org steht also in der auf Vannevar Bush zurückgehenden Tradition der
Hypertextgeschichte, sich in der historischen Nachfolge der Bibliothek zu sehen, und
nicht etwa in jener des Museums. Jedoch hat die von der Wayback Machine erschlos-
sene Sammlung von Webseiten musealen Charakter nicht nur in ihrer Vernetztheit,
192 Vgl. ebd.
193 Ebd.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien