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Fallstudien | 381
sondern auch in ihrem pädagogischen Anspruch. Es geht hier nämlich um Wieder-
herstellung einer historischen Umwelt, die sich nun nicht im physischen Raum, son-
dern eben im Cyberspace ausbreitet:
Visitors to the Wayback Machine can type in a URL, select a date range, and then begin surfing
on an archived version of the Web. Imagine surfing circa 1999 and looking at all the Y2K hype,
or revisiting an older version of your favorite Web site. The Internet Archive Wayback Machine
can make all of this possible.194
Das von Archive.org angebotene Erlebnis soll eben nicht das eines Blätterns in digi-
talen Archivalien sein, sondern das einer Zeitreise in kommunikative Situationen ei-
ner Vergangenheit, die ein nicht unerheblicher Teil der Nutzer noch selbst erlebt ha-
ben dürfte. Insofern steht es im Zeichen eines Versprechens von Virtualität-als-Hy-
perrealität. Das archivierte Web ist nicht die mittelbare, inszenierte Anmutung einer
›echten‹ bzw. ›authentisch‹ rekonstruierten Vorzeit. Vielmehr ist es das Echte – die
bitidentische Kopie des Webs, wie es sich tatsächlich dargestellt hat, ungefiltert durch
kuratorische Autorschaften. Die Ordnung der Sammlung ist nicht die einer geplanten
Ausstellung, sondern tatsächlich jene, die ihr von der Geschichte hinterlassen wurde.
Die kulturelle Wahllosigkeit der archivierenden Crawler-Software wird zum Garan-
ten der Authentizitätserfahrung – verbunden mit der Tatsache, dass die Nutzer selbst
Mitgestalter des Ausstellungsgegenstandes gewesen sein könnten. Wer nach 1996 im
Internet gepostet, gebloggt oder sich in irgendeiner Form geäußert hat, der kann sich
auf Archive.org selbst im vollendeten Präteritum erleben ‒ und sich auch sogleich
wieder selbst vergegenwärtigen.
7.5 GRENZGEBIETE DES MUSEALEN UND VIRTUELLEN
Nachdem dieses Fallstudienkapitel sich bisher ausdrücklich solchen virtuellen Mu-
seumsprojekten gewidmet hat, die im WWW mit konservatorischem Anspruch auf-
treten, sollen nun abschließend noch drei Phänomenbereiche betrachtet werden, die
nicht direkt dem Komplex ›Museumsvirtualisierung‹ zugehörig sind, jedoch weitrei-
chende Implikationen für diesen bergen. Im Zusammenhang mit dem Dienst pinte-
rest.com soll zunächst nach der Rolle ›kuratorischen‹ Denkens und Handelns norma-
ler User im Umgang mit Web-Inhalten gefragt werden. Anschließend werden Bilder-
suchmaschinen in den Blick genommen – und mit ihnen die Frage, was es für unser
digitales und digitalisiertes Kulturerbe bedeutet, wenn Software nicht mehr nur über
Schlagworte und Zugriffsmuster nach Inhalten zu suchen vermag, sondern Bildma-
terial tatsächlich zu ›sehen‹ und nach inhaltlichen Merkmalen zu verwalten imstande
194 Ebd.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien