Seite - 394 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Bild der Seite - 394 -
Text der Seite - 394 -
394 | Dinge – Nutzer – Netze
und Bildmaterial ermöglicht. Das »Audioguidesystem« ist eben dies: Es gestattet Be-
suchern, mittels ihres Handys auf eine Audio-Führung zuzugreifen, während den
Häusern in Aussicht gestellt wird, zukünftig auf Audioguide-Geräte verzichten zu
können.207
Interessant ist das dritte Kernelement des arttalk-Prinzips, das der App ihren Na-
men verleiht: Das »Kommunikationssystem« ist eines jener bei Gütt bereits in Aus-
sicht gestellten virtuellen ›Anschlagbretter‹, mittels derer Besucher einander Fragen,
Antworten und Kommentare zu Ausstellungsgegenständen hinterlassen können.208
Die Besucher bewegen sich also, indem sie die Ausstellung erkunden, zugleich in
einem Netzwerk von Diskussionssträngen, das weniger die Raum- denn die Zeit-
strukturen ihres Museumsbesuches überwindet: Das Kommunikationssystem bezieht
sich für alle seine Nutzer auf denselben Raum, überschreibt aber die unterschiedli-
chen Zeitpunkte ihres Besuches mit der Gleichzeitigkeit einer Forensoftware, in der
Beiträge persistent sind. Die vermeintlich flüchtige digitale Kommunikationsform
wird also zur Verstetigung der Äußerungen von Besuchern genutzt, die normaler-
weise den Moment des Sprechens im musealen Raum nicht überdauern würden. Das
Kommunikationssystem von arttalk ist darüber hinaus mit den sozialen Netzwerken
Facebook, Twitter sowie Google+ verknüpft und erweitert damit den Raum musealer
Kommunikation über den der Ausstellung selbst hinaus – ohne dabei aber von der
materiellen Ausstellung abgelöst zu sein.
Damit zielt arttalk offensichtlich weniger auf die kuratorische, exponatseitige
Komponente der Ausstellung ab als auf jene der sozialen Szenographie: Die App
schafft vor allem neue Möglichkeiten für Besucher, miteinander zu kommunizieren
‒ und für Betreiber, diese Kommunikation nachzuvollziehen, auszuwerten und für
zukünftige Ausstellungskonzepte zu nutzen. Die Chance, mit solchen Strategien neue
Nutzer ins Museum zu locken, indem man sie im Alltag abholt, sollte man nach Gütt
allerdings nicht überschätzen: Entsprechende Apps seien in erster Linie interessant
für Menschen, die ohnehin Interesse am Museumsbesuch haben – wen Ausstellungen
nicht Reizen, den würden Apps kaum ins Museum locken (vgl. Gütt 2010: 43). Auch
sei das Vermittlungspotential von Apps ein stark eingeschränktes: Zwar könnten sie
auf verschiedenste Arten eine Ausstellung ergänzen, für sich allein genommen seien
sie jedoch kaum zur Vermittlung komplexer Zusammenhänge zu gebrauchen – zu
sehr seien sie auf die Übertragung bruchstück- und schlaglichtartiger Informations-
fetzen ausgelegt (vgl. ebd.: 45).
Von daher erscheint es nur folgerichtig, wenn Gütt am Ende ihrer Studie resü-
mierend feststellt, dass der Erfolg von Museumsapps letztlich davon abhinge, ob man
sie erfolgreich in ein Ausstellungskonzept zu integrieren vermag ‒ und sie nicht etwa
207 Vgl. ebd.
208 Vgl. ebd.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien