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Virtuelle Museen seien daher eine längst überfällige Erscheinung, deren legitimer
musealer Charakter für Kittler gar nicht infrage zu stellen ist ‒ tatsächlich seien sie
womöglich die einzig zeitgemäße Form musealer Darstellung, weil in ihnen erstmals
Technik und Kultur, Gegenstände und Bedingungen zusammenfallen: Register und
Ausstellung verweisen nicht mehr aufeinander, sondern werden eins. Aus der Tatsa-
che, dass jedes Exponat aus genau den Daten besteht, über die es adressierbar ist,
ergibt sich für Kittler eine nahezu perfekte Verbindung von Existenz und Benennung,
während die mit den Exponaten verbundenen Wissensinhalte massiv flexibilisiert
werden (vgl. ebd.: 73). Der Computer erfordert nach Kittler eine ganz neue Museo-
logie, die auf die Zusammenführung eines fragmentierten Wissenskosmos abzielt ‒
allerdings nicht in einer Universaldatenbank, sondern in der Synthese zwischen
Kunst und Technik und der Verankerung aller Kultur in den Medien, die ihre Vo-
raussetzung sind (vgl. ebd.: 74f.). Virtuelle Museen sollen daher vor allem Museen
des Virtuellen sein und deutlich machen, wie sehr Rezeptionserfahrungen von ihren
medialen Rahmenbedingungen abhängen: Das Ziel von Interface- und virtual reality-
Systemen soll es nicht etwa sein, Simulakren historischer Wirklichkeiten entstehen
zu lassen, sondern vielmehr ihre eigene Beschaffenheit und Programmatik zu thema-
tisieren. Das Digitale selbst soll Ausstellungsgegenstand, das virtuelle Medium selbst
soll begehbar und transparent gemacht werden. Hierin sieht Kittler die Rolle des vir-
tuellen Museums in einer Zeit, in der die Digitalisierung von Museumsdingen ohne-
hin fast von allein geschieht (vgl. ebd.: 77): Es darf nicht nur ein Speicher für kon-
krete Inhalte sein, sondern muss auch die Baupläne unserer Vermittlungsanordnun-
gen enthalten. Nur dann nämlich könne es eine aufklärende Rolle für eine Welt ein-
nehmen, in der mediale Trägertechnologien, die ihre eigene Natur verschleiern, uns
stets mit dem neuen ›neuen Mittelalter‹ einer Priesterherrschaft der Programmierer
drohen (vgl. ebd.: 78f.).
Womöglich stößt uns Kittler mit dieser Einschätzung nicht nur auf eine mögliche
Strategie, derer sich die Institution Museum im Umgang mit digitaler Medientechnik
bedienen könnte. Was sich hier anzudeuten scheint, wäre vielmehr genau jener gol-
dene Schnitt, innerhalb dessen das Museum sein Selbstbild und seinen Bildungsauf-
trag für das digitale Zeitalter neu erfinden könnte, ohne mit seiner zu den antiken
Tempelschätzen reichenden Tradition zu brechen ‒ und der zugleich den Rahmen
bilden könnte für eine Museumphilosophie, die ihre eigene Mittelbarkeit im Vollzug
der Ausstellungstätigkeit mitdiskutieren imstande wäre.
Am Anfang dieser Studie stand die information anxiety Paul Valérys und mit ihr
dessen Unvermögen, dem Museum so zu begegnen, wie es seine ›Tempelhaftigkeit‹
eigentlich verlangen würde: in Ehrfurcht vor seiner Tradition und Anerkennung sei-
ner Autorität, in Wertschätzung und Verständigkeit für seine kuratorischen Fügungen
bei gleichzeitiger Einfühlsamkeit in die Würde und Einmaligkeit jedes einzelnen
Ausstellungsstückes, und in duldsamer Dankbarkeit gegenüber der Fülle unseres kul-
turellen Erbes. An ihrem Ende steht nun die Diagnose einer ganz anderen Varietät
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien