Seite - 401 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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Schluss und Ausblick | 401
Das zentral erforderliche (und sich in jüngeren Veröffentlichungen gelegentlich
andeutende) Umdenken im Umgang der Museumswissenschaften mit virtuellen Mu-
seumsprojekten muss daher darin bestehen, diese gerade nicht nur daraufhin zu un-
tersuchen, wie sie sich zur Materialität von Exponaten und Ausstellungssituationen
verhalten. Denn hier geht es um die Virtualisierung des Musealen: Welcher Verfah-
ren bedient man sich in der Erstellung von Digitalisaten physischer Ausstellungsob-
jekte? Wie bildet man die Strukturen des musealen Raumes nach und wie übt man
noch kuratorische Autorität über den Besucher aus? Wie authentisiert man Inhalte in
Abwesenheit der Originale? Kurzum: Wie emuliert man das museale Dispositiv in
Ermangelung seines Raumes und seiner Dinge, und wie erfolgreich ist man damit?
Diese Fragen bleiben unbenommen relevant, aber zu ihnen müssen sich jene danach
gesellen, welche expliziten und impliziten Aussagen virtuelle Museen über die im-
materielle Komponente musealer Vermittlung machen und welche Modelle von Mu-
sealität sie eben gerade aus ihrer spezifischen medialen Verfasstheit heraus produzie-
ren. Hiermit wäre also nach der Musealisierung des Virtuellen gefragt: Was stellen
virtuelle Museen aus? Wie wählen sie ihre Themen und Exponate, und wie begrün-
den sie diese Entscheidungen? Warum bezeichnen sie sich ausgerechnet als ›Mu-
seen‹? Wo sind ihre Strategien des Kuratorischen, der Autorschaft und der Authenti-
zität gerade nicht dem klassischen Museumsdispositiv abgeschaut, sondern gehen
originär aus ihrem Angewiesensein auf digitale Medien hervor ‒ und wie sehen diese
Strategien konkret aus? Wie widersetzen virtuelle Museen sich der Flüchtigkeit ihrer
medialen Umwelt ‒ und welche Vorstellungen von kommemorativer Kultur legen sie
dabei zugrunde? Und, damit verbunden, die von Kittler aufgeworfene Frage: Wie
thematisieren virtuelle Museen selbst ihre mediale Beschaffenheit und ihre Verschie-
denheit von physischen Einrichtungen, und was kann das Publikum daraus über sich
selbst herausfinden und über die kulturelle Welt, in der es lebt und lernt?
Diese Studie hat ein komplexes medientheoretisches Instrumentarium zusam-
mengetragen, mittels dessen sich der Phänomenbereich ›Museumsvirtualisierung‹
deskriptiv und analytisch systematisieren lässt. Begriffsgeschichtliche Ansätze wur-
den ebenso diskutiert wie literaturwissenschaftliche Zugänge zu nonlinearen Texten
und ihrer Ästhetik, verschiedene Ding- und Objektkonzepte mit unterschiedlichen
Schulen der Raumtheorie konfrontiert, technikhistorische Aspekte der Museumsge-
schichte mit kultur- und geistesgeschichtlichen zusammengeführt, Utopien von Cy-
berspace und virtuellem Weltmuseum den technischen Realitäten des WWW gegen-
übergestellt. Rhizom, Dispositiv und Akteurnetzwerk wurden als mögliche Beschrei-
bungen des ›Wesens‹ der Institution Museum ebenso vorgestellt wie Prognostiken
und Phantasmen über deren virtualisierte Zukunft ‒ vom emanzipatorischen Optimis-
mus eines André Malraux über die unaufgeregten ökonomischen Erwägungen Chris
Andersons bezüglich des long tail bis hin zur verführerisch-nebulösen Cyberpunk-
Apokalyptik Roy Ascotts. Vor allem befasste sich ein beträchtlicher Teil der Ausfüh-
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien