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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Seite - 62 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

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[...] Mac sah beunruhigt ein Durcheinander am Gehöft, wie Großvater es nie gemocht hatte.“ (GG 199) Der Großvater lebt in großer Armut und ist voller Angst und Bitterkeit. Er versucht diesen Zustand in gebrochenem Deutsch zu erklären: ‚Ungarn ist Volksrepublik, habt ihr davon gehört? [...] Die neuen Herren in Pest [...] haben mir nehmen alles. Aber nicht nur mir allein, – viel Tausende sind da- bei, denen haben sie genommen alles und nicht wenige fortgeschickt in Fabrik, in Bergwerk, vielleicht nach Sibirien –‘ [...] Bei Volksdemokratie kommen Gute und Schlechte in eine Häfen und wird Suppe gekocht. Da ist dann alles gleich, weil alles krepiert. Das könnt ihr nicht verstehen, braucht nicht. Die fragen nicht um einen oder zehne. Und ich bin alt, – wer braucht alten Mann in Sklaverei? Gehört weg!‘ [...]‚Ah’, sagte Großvater, ‚vorgestern sind sie dagewesen: Wo ist Mehl, Fleisch, wo ist Ablieferungsmais? Immer, immer wieder kommen, seit Wochen schon. Neh- men Ochs, Kuh, Kalb, nehmen Haus. Alles gehört den andern, allen nämlich – weißt du, Maxi, mir auch‘, er lachte gallig, ‚mir gehört auch von den andern alles, darum hab ich so viel, siehst du!‘ Mit ruhelosen Fingern zog er das Bündel ausei- nander und zeigte auf den Inhalt: eine Uhr, Papiere, ein Hemd. ‚Seht ihr, das ist alles, was bleibt dem einzelnen, wenn alle glücklich gemacht werden. (GG 204  f.) Diese Passage beantwortet die Frage hinter dem Reise- bzw. Augenzeugen-Nar- rativ bei Keller eindeutig. Die Herr-Knecht-Problematik ist nur in der Ideologie aufgehoben, existiert aber tatsächlich in verschärfter Form weiter. Gleichheit aller besteht laut dem Großvater nur insofern, als „alles krepiert“. Die Enteig- nung des Einzelnen und seine daraus folgende Verelendung sind für die Kinder sichtbar und materiell greifbar. Die Enkel fungieren als Augenzeugen von Armut, Unterdrückung und Angst. Der Großvater erzählt von Nachbarn, die verschwun- den sind und betont, dass niemand die Jungen finden dürfe, da sonst ihre Ver- schickung in ein Lager oder eine russische Schule drohen würde. Er zeigt große Angst vor den Kommissaren, die ‚überall‘ seien. Der einzig gangbare Weg führt für die drei Figuren über die ‚Mordgrenze‘ (vgl. Kapitel  1: Die Grenze) zurück nach Österreich. Die Rhetorik der Augenzeugenschaft ‚Augenzeugenschaft‘ in kommunistischen Propagandatexten Das Konzept der Augenzeugenschaft gewann im Diskurs um die Wirklichkeit hinter dem Eisernen Vorhang im Kalten Krieg enorme Bedeutung, was sich in zahlreichen Artikeln und Broschüren ebenso zeigen lässt wie in der fiktionalen Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 62 2 Reisen ins Rote – Augenzeugen hinter dem Eisernen Vorhang
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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