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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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3 ROMEO UND JULIA IM KALTEN KRIEG Orient und Okzident Sind nicht mehr zu trennen; Wenn dein Herz im Osten brennt, Meins muß westlich brennen. Neigt sich Ost zum Westen her, West zum Osten findet; Einer Seele fremdes Meer Liebe überwindet.1 Liebe in Zeiten des Systemkonflikts „Einzige Liebe, die im einzgen Haß sich fand! / Erst unerkannt gesehn, jetzt viel zu spät erkannt! / Daß Liebe mir als schlimme Mißgeburt erscheint, / Weil ich ihn lieben muß, ihn, den verhaßten Feind!“2 Das Dilemma von William Shake- speares Julia, dass ihre große Liebe gleichzeitig ihr größter Feind ist, wird in der Literatur des Kalten Krieges aktualisiert und fortgeschrieben. Dabei lassen sich zwei unterschiedliche Funktionalisierungen des berühmten Stoffes unterschei- den. Entweder dient eine die Blöcke überschreitende Liebesgeschichte dazu, den politischen Diskurs in einem Text emotional aufzuladen. Dass die elementarsten zwischenmenschlichen Beziehungen von den politischen Verhältnissen behin- dert, sanktioniert oder gar verunmöglicht werden, lässt diese Verhältnisse umso ungerechter erscheinen, der menschlichen Natur widersprechend. „Es dürfte nicht sein“, so der deutsche Journalist und Schriftsteller Josef Müller-Marein 1947 in der Zeit, dass „der Eiserne Vorhang, der Deutschland geographisch in zwei Hälften gespaltet hat, schließlich vielleicht noch quer durch die Herzen geht“.3 Die für den Romeo-und-Julia-Stoff grundlegende Spannung zwischen dem individuellen Glücksanspruch in der Liebe und den restriktiven gesellschaftli- chen Verhältnissen lässt sich andererseits in der Literatur aber auch so anord- nen, dass die Gegnerschaften und Konflikte des Kalten Krieges als bloßer Hin- 1 Ernst Schönwiese: An ein Mädchen aus dem Osten. Orient und Okzident. In: Tagebuch 3 (1948) H.  19, S.  16  f. Erschienen in Ders.: Ausfahrt und Wiederkehr. Wien: Erwin Müller Ver- lag 1947, S.  28–29. 2 William Shakespeare: Romeo und Julia. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Frank Günther. München: dtv 1995, S.  65. 3 Jan Molitor (= Pseud. von Josef Müller-Marein): Was nicht im Baedeker steht. Kleiner Reise- führer durch die Ostzone. In: Die Zeit, 20.11.1947.
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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