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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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sischen Stoff, bis hin zu Details und den übertragenen Figuren. Und ist es im Original „die Nachtigall und nicht die Lerche“19, die die berühmte Morgenszene eröffnet, so geht es bei Dor und Federmann um die Frage, ob man nun ein spä- tes Auto oder schon die erste Straßenbahn gehört hat (vgl. RJW 118). Romeo, der von Liebeskummer geplagt ist, da er von seiner Verlobten Rosa- lind verlassen wurde, begleitet seinen Kollegen Mark Roberts, die moderne Ver- sion des Mercutio, auf die Abschiedsfeier eines französischen Kulturoffiziers, die in einem Hotel an der Wiener Ringstraße stattfindet: „Großartiges Büfett. Alkohol in Massen. Hübsche Mädchen, soviel du willst. Und alles umsonst. Dort gehen wir hin.“ (RJW 20) Auf dieser Feier tummeln sich hohe Vertreter der vier Besatzungsmächte, aber auch ein kommunistischer Redakteur, ein junger Mann, „der einen pseudoeleganten grauen Anzug und eine dicke schwarze Hornbrille“ (RJW 22) trägt, Vertreter des französischen Auslandsnachrichtendienst Deuxiè- me Bureau, sowie zwei Kognak trinkende junge Männer (lesbar als Selbstport- räts von Dor und Federmann), die „von den Kommunisten als Kriegshetzer gebrandmarkt worden“ seien, so Roberts. Es gebe sogar Gerüchte darüber, dass die Russen die beiden vor einiger Zeit verschleppen lassen wollten, da sie „immer gegen die Kommunisten“ (RJW 25) schreiben würden.20 Roberts erklärt Romeo den fragilen Spannungszustand des Kalten Krieges und dass auf dem diploma- tischen Parkett der Systemkonflikt auf „Eis“ liegen würde: Aber das ist doch interessant! Das ist der Kühlschrank, in den der Krieg gelegt ist. Schau, wie nett sie zueinander sind. Dabei hassen sie einander. Sie sind bereit, einander exekutieren zu lassen, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt. (RJW 24) Unter den misstrauischen Blicken des vierschrötigen Major Tubaljow, eines Kor- respondenten der russischen Nachrichtenagentur TASS und Julias Vorgesetzten, 19 William Shakespeare: Romeo und Julia, S. 161. 20 Milo Dor und Reinhard Federmann waren beide mit den totalitären Systemen des 20.  Jahr- hunderts in Berührung gekommen: Dor während seiner Untergrundarbeit für die Kommunis- tische Partei in Belgrad während der nationalsozialistischen Herrschaft und Federmann als „Halbjude“, der zur Wehrmacht eingezogen wurde und an der Ostfront in sowjetische Kriegs- gefangenschaft geriet. Gemeinsam produzierten sie Unterhaltungsliteratur, darunter vier Kri- minal- und drei Liebesromane, die sie in der BRD verkauften, verfassten literarische Rund- funksendungen sowie zahlreiche Artikel, die u.a. in der Arbeiter-Zeitung erschienen. In der Literatur sahen sie „keine ästhetische Beschäftigung, sondern ein Kampfmittel“, kritisierten jedoch nicht nur die Sowjetunion, sondern auch ehemalige hochrangige Nazifunktionäre und -schriftsteller: „Wir sind mit der Welt, wie sie ist, nicht zufrieden. Wir wollen sie besser haben. Wir lassen uns die Freiheit nicht nehmen, das Verdorbene und Verlogene zur allgemeinen Schau zu stellen, Mörder Mörder zu nennen […].“ Milo Dor, Reinhard Federmann: Für eine Literatur der Verpflichtung. In: Die Zukunft. Sozialistische Monatsschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur  4 (1949) H.  7, S.  217–218. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 98 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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