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die Beschuldigte führen. Tubaljow hält Romeo für einen „ganz gewöhnliche[n]
Agenten“, dessen Aufenthalt in Korea während des Kriegs ihn verdächtig macht
und er weiß, dass die „New York Tides“, die Zeitung, für die Romeo arbeitet,
einen „besonders scharfe[n] sowjetfeindliche[n] Kurs“ (RJW 45) fährt. Auch
Mark Roberts nimmt seinen Kollegen Romeo Wilson hinsichtlich dieses Ver-
hältnisses, das unter ideologisch ungünstigen Vorzeichen steht, ins Gebet und
befürchtet dessen Konversion zur Sowjetunion: „‚Hat sie dich bekehrt? Willst
du Kolchosbauer werden?‘ ‚Sie ist nicht so.‘ ‚Sag das nicht, die sind die Gefähr-
lichsten, die es nicht zeigen.‘ ‚Sie nicht. Sie ist nicht gefährlich.‘“ (RJW 50)
Als Tubaljow schließlich Julia aus Eifersucht bei Oberst Kapulowski denun-
ziert, dem er meldet, dass „die Genossin Mischkin […] zum Feind übergelaufen“
(RJW 75) sei, distanziert sich Julia immer mehr von ihrem beruflichen Umfeld:
„Alles hier schien sie zu bedrohen, aber sie war sich keiner Schuld bewußt. Und
doch hatte sie Angst.“ (RJW 89) Einer Heirat oder Flucht mit Romeo steht das
Schicksal ihrer in Russland ansässigen Familie im Weg. Sie befürchtet, dass die-
ser Repressionen drohen, sollte sie sich gemeinsam mit Romeo in den Westen
absetzen. Wie Julia ihm erklärt, war bereits ihr Vater
im Krieg nicht befördert worden, weil er als politisch unzuverlässig galt. Man hat
mich zuerst auch nicht ins Ausland gehen lassen wollen. Und mein Bruder hat
gerade eine Anstellung bekommen, und jetzt … es wird schwer für sie alle sein,
vielleicht wird man sie auch verhaften. (RJW 99)
Hier entwirft der Roman das Bild eines Landes, in dem Unterdrückung und
Erpressung an der Tagesordnung stehen. Damit kritisieren Dor und Federmann
die repressiven Zustände in den von den Sowjets besetzten Ländern hinter dem
Eisernen Vorhang und machen insbesondere das totalitäre Prinzip der „Sippen-
haftung“ deutlich, das Julia vorerst dazu veranlasst, von einer Beziehung mit
Romeo abzusehen. Und diese rechtlichen und gesellschaftspolitischen Zustände
reichen durch die Sowjetzone in das besetzte Österreich hinein.
Die Ereignisse überstürzen sich, als Tubaljew, der sich auf der Suche nach
Romeo befindet und ihn in der internationalen Zone der Inneren Stadt vermu-
tet, Mark Roberts erschießt. Romeo, der den tödlichen Schuss sieht, aber nicht
verhindern kann, tötet Tubaljew in der Folge in Notwehr und wird damit zum
Gejagten. Der erste Bezirk Wiens wurde ab Januar 1946 als internationaler Bezirk
konstituiert, im Monatsrhythmus von einer jeweils anderen Besatzungsmacht
verwaltet und von einer Interalliierten Militärpatrouille, den „Vier im Jeep“, mit
je einem Vertreter der Alliierten kontrolliert.25 Da die Sowjets zum Zeitpunkt
von Tubaljews Tod das Kommando über die Alliierte Militärpolizei in der inter-
25 Vgl. Wolfram Dornik: Besatzungsalltag in Wien, S. 450–467.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
100 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918