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Franz Kain in seiner nur ein Jahr später erschienenen Erzählung Romeo und Julia
an der Bernauer Straße (1955)40. Kain, der ab April 1946 beim KPÖ-Organ Neue
Zeit in Linz, der oberösterreichischen Ausgabe des Zentralorgans der KPÖ Volks-
stimme, tätig war, konnte den Systemkonflikt in Berlin, der „Hauptstadt des Kal-
ten Krieges“, miterleben, wo er sich zwischen 1953 und 1956 als Korrespondent
der Volksstimme aufhielt. Die Atmosphäre und die Probleme der geteilten Stadt
(vgl. Kapitel 1 Die Grenze) regten ihn neben seinen Zeitungsartikeln auch zu einer
Erzählung an, die er bereits im Titel auf den Romeo-und-Julia-Stoff bezieht.
Der Cheflektor des Ostberliner Aufbau-Verlags Max Schroeder begrüßte die
Erzählung „als erste in sich geschlossene Arbeit eines jungen fortschrittlichen
Autors und als eine aktuelle Geschichte aus dem Berlin von heute“.41 Kain erhielt
für seine dann auch im Aufbau-Verlag erschiene Erzählung im Rahmen des
internationalen Literaturwettbewerbs der 5.
Weltfestspiele in Warschau den drit-
ten Preis.42 Darüber hinaus erschien sie vom 30. Juni 1956 bis zum 22./23. Sep-
tember 1956 in dreizehn Fortsetzungen in der Wochenendbeilage der Neuen
Zeit.
Der Niederschrift der Erzählung gingen zahlreiche Berlin-Reportagen vor-
aus, in denen sich Kain mit der geteilten Stadt und den damit einhergehenden
soziokulturellen und politischen Problemen auseinandersetzt. Die Reportage
Erlauscht im Berliner Friedrichshain erschien noch vor der Erzählung im Jahr-
buch der Stadt Linz („Stillere Heimat“) 1955. In seinen Reportagen und Berich-
ten befasste er sich bereits mit Themen, die er später in seinem literarischen
Debüt in Ostdeutschland synthetisieren würde. Stellvertretend für die zahlrei-
chen Zeitungsartikel, die Kain als Korrespondent für die Neue Zeit verfasste,
sei hier ein längerer Ausschnitt aus einem Bericht zitiert, der zum fünfjährigen
Bestehen der DDR erschien. Dieser enthält wesentliche Elemente des Narrativs
von der Überlegenheit des sozialistischen Staates, die in seinem nur ein Jahr
später erscheinenden literarischen Text eine zentrale Rolle spielen sollten:
In diesem Drittel Deutschlands wurde in den letzten fünf Jahren unter der Füh-
rung der Arbeiterklasse und deren Partei die politische Macht des werktätigen
Volkes errichtet, nachdem schon in den vorangegangenen Jahren die Grundlagen
dazu gelegt, die demokratische Bodenreform und die Enteignung der Großka-
40 Franz Kain: Romeo und Julia an der Bernauer Straße. Berlin: Aufbau 1955 [im Folgenden abgek.
RJB].
41 Max Schroeder: Gutachten: Franz Kain „Romeo und Julia an der Bernauer Straße“, 8.
Juli 1955.
Das Bundesarchiv, Ministerium für Kultur, Teil3: HV Verlage und Buchhandel, Druckgeneh-
migungsvorgänge, DR 1/5009a.
42 Vgl. Tagebuch 10 (1955) H. 20, S. 7. Die Erzählung wurde von V. Sißmann ins Ukrainische
übersetzt: „Romeo i Kulietta s bulizi Bernau. Novist“ und erschien in: Dnipro, Literaturorgan
des Komsomol, Jg. 31, Kiew 1957, S. 6–48.
Übertragungen des „Romeo und Julia“-Stoffes in den Kalten Krieg 105
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918