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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Auf der Südseite der Bernauer, ‚im Osten‘, gingen die Leute daran, eine neue Form des menschlichen Zusammenlebens zu erproben, denn die alte Ordnung hatte ihnen nur die Vernichtung all dessen gebracht, was dem Menschen lieb und teuer ist. Wozu aber die alte Ordnung hundert Jahre gebraucht hatte und hundert Jahre lang Erfahrung sammeln konnte, das sollte [Hervorhebung d. Verf.] die neue Ord- nung in wenigen Jahren schaffen: Arbeit für jeden und alles, was jeder zum Leben braucht. […] Auf der Nordseite, also ‚im Westen‘, wurde die alte Ordnung [Her- vorhebung d. Verf.] wiedererrichtet […]. Große Zuschüsse und Anleihen wurden in diesen Teil der Stadt gepumpt, und die Schaufenster begannen sich schnell zu füllen. Freilich, die ganze Kläglichkeit besteht heute wie seit hundert Jahren da- rin, daß die alte Ordnung nicht imstande ist, die Schätze richtig zu verteilen, die der Mensch aus dem Stein und dem Eisen schlägt. Die Reichen von einst waren bald wieder reich, aber die Zahl der Menschen, die keinerlei Reichtümer sammeln konnten, war größer als je zuvor. Jeder dritte, zeitweise sogar jeder zweite arbeits- fähige Mann auf der Nordseite der Bernauer war arbeitslos. (RJB 12  f.) Kain führt mit seiner Schilderung der Bernauer Straße und ihres Verlauf sehr geschickt die weltpolitischen Konstellationen ein, ohne diese weiter erläutern zu müssen. So kann das Verb „sollte“ im Satzzusammenhang doppelt gelesen wer- den. Einerseits kann es so verstanden werden, dass die „neue Ordnung“ in der SBZ bzw. DDR in nur wenigen Jahren hergestellt werden würde, andererseits, dass diese nicht in nur wenigen Jahren geschaffen werden kann, sondern zum Aufbau des Sozialismus mehr Zeit gebraucht wird. Ob dies auf eine bewusste Strategie Kains oder einfach auf eine Formulierungsschwäche zurückzuführen ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es ist jedoch innerhalb der Logik des Textes anzunehmen, dass die neue Ordnung im Osten, trotz einiger Schwä- chen, bereits verwirklicht worden ist. Darüber hinaus impliziert das Postulat von der „alten Ordnung“ des auktorialen Erzählers, die im Westen herrsche, eine Kontinuität: Der Westen setzt wieder dort an, wo die Nationalsozialisten aufgehört haben. Des Weiteren antizipiert der Text fast prophetisch das Bauwerk, das symbolisch für die Teilung Deutschlands werden sollte: „So war die Bernau- er Straße eine Mauer geworden, die sich zwischen den Familien auftürmte“ (RJB 21). Was hier noch als Metapher fungiert, wurde mit dem Bau der Mauer ab 1961 tragische Realität. Dass die Teilung Berlins der Natur zuwiderläuft, zeigt sich an den verdrehten Angaben der Himmelsrichtungen im Text. Kain verfährt freier mit dem Stoff des historischen Vorbilds als Dor und Federmann und entfernt sich von diesem sowohl was die Figurenkonstellatio- nen als auch was den Verlauf der Handlung sowie das tragische Ende betrifft. Übrig bleibt allein das Motiv der verfeindeten Familien und auch dieses in einer speziellen Konstellation: Nur die Familienoberhäupter sind verfeindet. Als Romeo und Julia treten die Jugendlichen Heiner Schradow und Helga Kowalski auf, die Übertragungen des „Romeo und Julia“-Stoffes in den Kalten Krieg 107
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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