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Auf der Südseite der Bernauer, ‚im Osten‘, gingen die Leute daran, eine neue Form
des menschlichen Zusammenlebens zu erproben, denn die alte Ordnung hatte
ihnen nur die Vernichtung all dessen gebracht, was dem Menschen lieb und teuer
ist. Wozu aber die alte Ordnung hundert Jahre gebraucht hatte und hundert Jahre
lang Erfahrung sammeln konnte, das sollte [Hervorhebung d. Verf.] die neue Ord-
nung in wenigen Jahren schaffen: Arbeit für jeden und alles, was jeder zum Leben
braucht. […] Auf der Nordseite, also ‚im Westen‘, wurde die alte Ordnung [Her-
vorhebung d. Verf.] wiedererrichtet […]. Große Zuschüsse und Anleihen wurden
in diesen Teil der Stadt gepumpt, und die Schaufenster begannen sich schnell zu
füllen. Freilich, die ganze Kläglichkeit besteht heute wie seit hundert Jahren da-
rin, daß die alte Ordnung nicht imstande ist, die Schätze richtig zu verteilen, die
der Mensch aus dem Stein und dem Eisen schlägt. Die Reichen von einst waren
bald wieder reich, aber die Zahl der Menschen, die keinerlei Reichtümer sammeln
konnten, war größer als je zuvor. Jeder dritte, zeitweise sogar jeder zweite arbeits-
fähige Mann auf der Nordseite der Bernauer war arbeitslos. (RJB 12 f.)
Kain führt mit seiner Schilderung der Bernauer Straße und ihres Verlauf sehr
geschickt die weltpolitischen Konstellationen ein, ohne diese weiter erläutern zu
müssen. So kann das Verb „sollte“ im Satzzusammenhang doppelt gelesen wer-
den. Einerseits kann es so verstanden werden, dass die „neue Ordnung“ in der
SBZ bzw. DDR in nur wenigen Jahren hergestellt werden würde, andererseits,
dass diese nicht in nur wenigen Jahren geschaffen werden kann, sondern zum
Aufbau des Sozialismus mehr Zeit gebraucht wird. Ob dies auf eine bewusste
Strategie Kains oder einfach auf eine Formulierungsschwäche zurückzuführen
ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es ist jedoch innerhalb der Logik
des Textes anzunehmen, dass die neue Ordnung im Osten, trotz einiger Schwä-
chen, bereits verwirklicht worden ist. Darüber hinaus impliziert das Postulat
von der „alten Ordnung“ des auktorialen Erzählers, die im Westen herrsche,
eine Kontinuität: Der Westen setzt wieder dort an, wo die Nationalsozialisten
aufgehört haben. Des Weiteren antizipiert der Text fast prophetisch das Bauwerk,
das symbolisch für die Teilung Deutschlands werden sollte: „So war die Bernau-
er Straße eine Mauer geworden, die sich zwischen den Familien auftürmte“ (RJB
21). Was hier noch als Metapher fungiert, wurde mit dem Bau der Mauer ab
1961 tragische Realität. Dass die Teilung Berlins der Natur zuwiderläuft, zeigt
sich an den verdrehten Angaben der Himmelsrichtungen im Text.
Kain verfährt freier mit dem Stoff des historischen Vorbilds als Dor und
Federmann und entfernt sich von diesem sowohl was die Figurenkonstellatio-
nen als auch was den Verlauf der Handlung sowie das tragische Ende betrifft.
Übrig bleibt allein das Motiv der verfeindeten Familien und auch dieses in einer
speziellen Konstellation: Nur die Familienoberhäupter sind verfeindet. Als Romeo
und Julia treten die Jugendlichen Heiner Schradow und Helga Kowalski auf, die
Übertragungen des „Romeo und Julia“-Stoffes in den Kalten Krieg 107
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918