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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 108 -
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sich in einem (Ost-)Berliner Tanzlokal45 kennenlernen und feststellen, dass sie beide jeweils an den gegenüberliegenden Enden entlang der Bernauer Straße leben. Die siebzehnjährige Helga und ihre Familie wohnen auf der Nordseite, also im Westteil Berlins, Heiner dagegen „genau gegenüber auf der Südseite“ (RJB 20), also im Ostteil. Der über der Hauptstadt schwebende Konflikt geht auf der privaten Ebene von den Vätern des Paares, Paul Schradow und Max Kowal- ski aus. Er bleibt in Kains Narrativ ein innerdeutscher Konflikt, unabhängig von einem Außen, d.h. vom Systemkonflikt zwischen den Supermächten, die im Text kaum in Erscheinung treten. Die Feindschaft zwischen Schradow und Kowalski entstand dadurch, dass beide zunächst in derselben Sektion der Sozialdemokratischen Partei organisiert waren und in derselben Fabrik, nämlich der „AEG Brunnenstraße“, arbeiteten (RJB 20). Schradow, der nach der Vereinigung der Arbeiterparteien in die Sozi- alistische Einheitspartei Deutschlands (SED) wechselte, – dass die SED aus einer „Zwangsvereinigung“ von KPD und SPD hervorging, verschweigt der Text geflis- sentlich –, ist daraufhin von der AEG entlassen worden. Er verdächtigt nun Kowalski, der in der alten Partei geblieben ist und bei der AEG Betriebsrat ist, „dabei die Hände im Spiel“ (RJB 20) gehabt zu haben. Die Vaterfiguren fungie- ren als Stellvertreter für den politischen Systemkonflikt, der hier auf eine priva- te Ebene heruntergebrochen ist: Jeder hielt nun den anderen für einen Abtrünnigen, und weil sie zu halsstarrig waren, sich wie früher gründlich auszusprechen, entstand bald eine schwelende Feindschaft. Wenn der eine geringschätzig von den ‚Ostsektoranern‘ sprach, dann hatte er zunächst Paul Schradow vor Augen, und wenn der andere sich über die ‚Spitzbäuche‘ ausließ, dann bezog er stets auch Maxe Kowalski in diese Kategorie ein. (RJB 20) Kains Erzählung ist auch als eine politische Erweckungsgeschichte lesbar, denn Hei- ner Schradow ist zunächst kein überzeugter Kommunist. Er lebt in den Tag hinein und verhält sich den politischen Überzeugungen seines Vaters sowie seiner Arbeits- kollegen gegenüber herablassend. Wenn diese ihn zu belehren versuchen, denkt er: „Gott, das ist ja eine Predigt wie bei der Einsegnung“ (RJB 31). Am Beginn ist er noch dem Spannungsfeld der Bernauer Straße, also den „Versuchungen“ aus dem Westen und den „sozialistischen Versprechungen“ des Ostens, unterworfen. Es wir- ken „stets beide Straßenseiten auf ihn ein“, denn die Trennungslinie verläuft „nicht nur durch seine Straße […], sondern durch alle Menschen um ihn her“ (RJB 32). 45 Vgl. Franz Kain: Abschied von Berlin. In: Neue Zeit, 15.1.1956: „Die Ballhäuser sind große, volkstümliche Tanzlokale. Hier werden mit Vorliebe Alt-Berliner Weisen gespielt und die ‚Scheuerratten‘, wie man hier die Tanzbesessenen nennt, kommen auf ihre Rechnung.“ Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 108 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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