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Vom Shakespear’schen Original ist in Kains Version hinsichtlich der Ausgestal-
tung allenfalls das Motiv der verfeindeten Familien (wenn auch eingeschränkt
und nur in Bezug auf die Väter) sowie der Titel übrig geblieben. Deutlich wird
im Verlauf des Textes die Strategie des Autors, die vom Westen verbreiteten
Negativbilder über den Osten abzuwehren.
Nicht nur österreichische Autoren, auch der westdeutsche Dramatiker Gerd
Oelschlegel hat Shakespeares Stück bearbeitet und verfasste unter dem Titel
Romeo und Julia 1953 ein Hörspiel, das er später zu einem Theaterstück umar-
beitete. Ebenso bediente sich der ostdeutsche Autor Hans Pfeiffer in seinem
dreiaktigen Theaterstück Laternenfest (1957) einer optimistischen Variation des
Stoffes. Hier sind es ein Amerikaner und eine Japanerin, deren Väter sich im
Zweiten Weltkrieg feindlich gegenübergestanden haben. Während die Väter an
ihrer Feindschaft und ihrem Hass zugrunde gehen, setzen James und Yuki auf
Frieden und Völkerverständigung. Pfeiffers Stück konnte in Ost- und West-
deutschland reüssieren, allerdings warfen ihm Kritiker eine zu starke Orientie-
rung am Original vor, „ohne dabei zu berücksichtigen, daß mit dieser verein-
fachten Fabelführung die Probleme der Menschen unserer Zeit und die
Dialektik des Friedenskampfes nicht ausreichend sichtbar gemacht werden kön-
nen“.55
Dagegen wurde Oelschlegel 1956, zusammen mit Ingeborg Bachmann, für
sein Debüt mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Die Erstausstrahlung
des Hörspiels durch den Nordwestdeutschen Rundfunk fiel zufällig auf den
17.
Juni 1953, den Tag des Volksaufstands in der DDR. Im Verlauf der 1950er-Jah-
re folgten vier weitere Ausstrahlungen, bald unter dem neuen Titel Romeo und
Julia in Berlin, zumeist in zeitlicher Nähe zum „Tag der deutschen Einheit“.56
Der Konflikt zwischen den Systemen ist in Oelschlegels Theaterstück räum-
lich konzentrierter und in eine Kneipe unmittelbar an der Sektorengrenze auf
der östlichen Seite von Berlin verlegt. Hier treffen nicht nur Ost auf West unmit-
telbar aufeinander, sondern auch die Welten der Familien Lünig und Brink. Der
Kommunist Paul Lünig, der die Kneipe von Hans Brink, Parteimitglied der Christ-
lich Demokratischen Union (CDU) gepachtet hat, bei dem er auch als Untermie-
ter wohnt, ist bis aufs Blut mit diesem verfeindet. Dennoch verlieben sich ihre
Kinder ineinander: Judith Lünig bietet dem sich auf der Flucht vor der Volkspo-
lizei in den Westen befindlichen Karl Brink ein sicheres Versteck. Als Karl ein
letztes Mal in den Osten zurückkehrt, um Judith abzuholen, die er mittlerweile
55 Werner Mittenzwei: Kampf der Richtungen. Strömungen und Tendenzen in der internationa-
len Dramatik. Leipzig: Reclam 1978, S. 405.
56 Helmut Peitsch: Etwas Besonderes: Hörspiel in Berlin. In: Berliner Kulturrat (Hg.): Eine Kul-
turmetropole wird geteilt. Literarisches Leben in Berlin (West) 1945 bis 1961. Berlin: H. Hee-
nemann 2000, S. 103–115.
Übertragungen des „Romeo und Julia“-Stoffes in den Kalten Krieg 113
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918