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Das Theaterstück ist hinsichtlich der Handlung und Figurenkonstellation mit
dem Schweizer Film Die Vier im Jeep zu vergleichen, der eine interalliierte Mili-
tärpatrouille in der Wiener Internationalen Zone in den Mittelpunkt rückt.
Ebenso wie in Schütz’ Theaterstück sind es auch hier ein Amerikaner und ein
Russe, die sich aus politischen Differenzen bezüglich einer Frau in die Haare
geraten.64 Die Liebesbeziehungen zwischen österreichischen Frauen und Sol-
daten der Besatzungsmächte thematisierte auch die Chanteuse und Kabarettis-
tin Cissy Kraner mit den „Frauen und Besatzer-Chansons“ Wir san besetzt, Frau-
en und Besatzer-Chansons, die der Komponist Hugo Wiener verfasst hatte und
in der Wiener Simpl-Revue im Dezember 1952 zur Aufführung gelangten. Die-
se Beziehungen waren aber auch negativ konnotiert und Frauen, die mit Besat-
zern verkehrten, wurden pejorativ als „Chocolat-Girls“ tituliert.
Ein Rezensent betont, dass man für eine Aufführung auch noch im Jahre 1951
„fast Courage“ brauche, und obwohl es bereits 1947 „hochaktuell“ war, als „uns
doch der Kalte Krieg bereits auf seinem Höhepunkt“ schien, verbirgt sich doch
nur eine „komödiantische, scherzhafte Satire auf die Uneinigkeit der vier Groß-
mächte“65 hinter dem verbotenen Stück.
Das Stück führt direkt in die geopolitisch zunehmend angespannten Verhält-
nisse, wie sie in der Entstehungszeit des Stücks zwischen 1945 und 1947 vor-
herrschten, ein. Ein Radiosprecher berichtet vom Scheitern eines „Gipfeltreffens“
der großen „Vier“ in Paris, gleichsam ein „plenary summit“, wie es der Histori-
ker David Reynolds beschrieben hat.66 Schütz hat vermutlich auch aus Aktua-
litätsgründen ein Gipfeltreffen für den Hintergrund seines Theaterstücks ver-
wendet, denn zwischen 1945 und 1947 waren Konferenzen wie die
Außenministerkonferenzen der vier Mächte in Moskau (1945), in Paris (1946,
1947) und in London (1947) stets im gespannten Blick der Weltöffentlichkeit:
Die Konferenz der Delegaten der vier Grossmächte, die seit einer Woche im Hotel
Scribe tagt, um einen letzten Versuch zur Beseitigung der den Weltfrieden bedro-
64 Der Film hatte am 9. Oktober 1951 im Wiener Apollo-Kino Premiere. Über die Rezeption des
Films in österreichischen Medien schreibt Beate Hochholdinger-Reiterer: „Mit Ausnahme der
kommunistischen Zeitungen, die sich an der Zeichnung des sowjetischen Soldaten stießen,
wurde der Schweizer Film des gebürtigen Österreichers Leopold Lindtberg von der Wiener
Kritik wohlwollend aufgenommen und […] hochgelobt.“ Beate Hochholdinger-Reiterer: Poli-
tik getarnt als Aprilscherz. Zur Rezeption des Österreich-Films 1. April 2000. In: Film Archiv
Austria (Hg.): 1. April 2000. Wien: Edition Film u. Text 2000, S. 86; Hans Weigels Kritik des
Films wirft indirekt auch die Frage auf, wann Österreich endlich wieder seine Unabhängigkeit
erreichen würde. Vgl. Weltpresse, 10.10.1951.
65 Z.o.: „Simone und der Friede“. In: Arbeiter-Zeitung, 1.2.1951, S. 5.
66 Vgl. David Reynolds: Summits. Six Meetings that shaped the Twentieth Century. New York:
Basic Books 2007.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918