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henden schweren Meinungsverschiedenheiten zu machen, hat sich heute nacht
um zwei Uhr zwanzig plötzlich aufgelöst. Die Delegierten Frankreichs, der Sowje-
tunion, Grossbritaniens [sic!] und der Vereinigten Staaten sind mit unbekannten
Zielen abgereist. In politischen Kreisen herrscht grosse Bestürzung. (SF 7 f.)
Die vier Delegierten verlegen ihre Gespräche jedoch an einen anderen Ort, näm-
lich in das Schloss Château d’Esonpière, wohin sie von ihren jeweiligen Chauf-
feuren gefahren werden. Die Handlung des Stücks konzentriert sich auch auf
letztere und nicht auf die Delegierten, die ihm oberen Stock des Schlosses ver-
handeln und während des Stücks nicht als Figuren auftreten. Auch deren Chauf-
feure treffen hier, allerdings im Dienstquartier aufeinander.
Das dreiaktige Stück operiert mit einer trivialen und durchschaubaren Sym-
bolik, die sich sowohl aus der Figurenzeichnung als auch -konstellation ergibt,
wie im Folgenden zu zeigen sein wird.
Die vier Chauffeure sind ihren jeweiligen nationalen Stereotypen verhaftet.
Der Franzose André Labiche wird in den Didaskalien als „temperamentvoll,
hübsch, sehr selbstbewusst“ (SF 8) charakterisiert, der Russe Alexej Smirnow
als ein „untersetzter stämmiger Mann mit kurzgestutzten Haaren, abgezirkelten,
etwas ruckhaften Bewegungen, flinken Augen“, der Amerikaner Clam Snyder
tritt als „lang, schlaksig, leger, Gummi kauend“ auf, der eine „[ü]berlegene Hal-
tung, freundliche, offene Miene“ und Ansätze von Naivität zeigt und der Brite
Bernard G. Smith ist „kultiviert, steif, einsilbig, zurückhaltend, auf nichts und
niemanden neugierig“ (SF 13).
Dass die Figuren sich nur in propagandistischen Phrasen ihres jeweils eige-
nen Systems äußern, wodurch eine Kommunikation untereinander unmöglich
wird und dadurch wie lebende Abziehbilder wirken, bekräftigen die Dialoge.
Clam konstatiert bei seinem ersten Auftreten, dass man in einen Cocktail alles
mixen könne, nur nicht russischen Tee, und wird von Alexej angegriffen: „Was
will Washington? Das, was Wallstreet will. Was will Wallstreet? Uns isolieren.
Wozu braucht ihr soviel Waffen? Weil ihr uns einschüchtern wollt. Warum wollt
ihr uns einschüchtern? Weil ihr ein schlechtes Gewissen habt.“ (SF 14)
Simone, die im Dienstquartier erscheint und von André für die Küchenge-
hilfin seiner Verlobten, der Köchin Micheline gehalten wird, versucht im ersten
Akt, die vier Chauffeure zu verführen, indem sie jedem die Vorliebe für das
jeweilige Land bzw. System vorgaukelt.
Während sie Clam erklärt, dass sie eine Comtesse ist, die von ihrem Ehemann
verfolgt wird, und ihm vorschlägt, sie zu heiraten und nach Amerika zu gehen,
„[w]o es noch Freiheit gibt und neue Möglichkeiten“ (SF 28), erklärt sie Alexej,
dass sie gern Russisch lernen würde, da dies bald die neue Weltsprache sein wird:
„Die Sprache der Zukunft. Französisch – passé. Englisch – auf der Rutschbahn,
aber russisch – heute ein Sechstel der Erde – morgen, wer weiss, die ganze Welt.“
Vierfache Besetzung: Simone und der Friede 117
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918