Seite - 119 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Bild der Seite - 119 -
Text der Seite - 119 -
gestört wird, die verkünden, dass die Konferenz abgebrochen wird und sie ihre
Abreise wünschen. Als sich die Vier von Simone verabschieden, taucht ein Mann
in der Regenpelerine auf, bei dessen Anblick Simone ohnmächtig zusammen-
bricht.
Der dritte Akt beginnt mit einem unheilvollen Gewitter und einem Monolog
von Josef, der als Jude und Emigrant charakterisiert wird, der die gefährliche
Weltlage mit dem Verhältnis der vier Chauffeure zueinander vergleicht: „Als ob
ein und derselbe Narr sich in vier Spiegeln spiegelte! Und alle vier Spiegel zusam-
men werfen das Weltbild zurück.“ (SF 93).
Während eine durch das Unwetter zusammengestürzte Brücke die Abreise
der Vier verhindert, erschießt Simone mit Alexejs Dienstwaffe den Mann in der
Regenpelerine, dessen Identität zunächst noch unklar bleibt. Die Vier wollen
Simone bei der Vertuschung des Mordes helfen, denn Simone nennt den ge heim-
nisvollen Mann als denjenigen, der sie nächtlich überfallen hat. Als der tot
geglaubte zurückkehrt, – es war nur ein Streifschuss –, stellt sich Simone zur
Überraschung aller auf dessen Seite. Der Mann gibt sich als Nervenarzt Dr.
Mer-
cier zu erkennen, und erklärt, dass Simone seine Patientin ist, die unter „eine[r]
schweren Neurose – eine[r] Verwirrung der Seele“ (SF 106) leide, wie er sich
äußert. Alles, was Simone sagt, ist „in einem gewissen Sinne“ wahr. „Lüge ist
immer ein Teilchen Wahrheit und Simone hat den Brennspiegel verloren, der
die Teilchen sammelt. […] Sie alle, wie Sie hier versammelt sind – werden bin-
nen kurzen in Simones Welt ebenso irreal sein, wie es für Sie die Simone war,
die Sie kannten“ (SF 106 f.).
Am Schluss des Stücks einigen sich die vier Delegierten schließlich, die vier
Chauffeure legen ihre Differenzen bei und die Friedensglocken ertönen.
Lesbar wird die Symbolik des Stücks vor dem Hintergrund Österreichs und
der vierfachen Besetzung zwischen 1945 und 1955: Simone ist mit Österreich
gleichzusetzen, die vier Chauffeure augenscheinlich mit den jeweiligen Besat-
zern des Landes.67 Mit der Figur der Simone im Stück geht eine große Ambiva-
lenz einher. Einerseits führt sie die Besatzungsmächte an der Nase herum,
wodurch sich diese bei ihrer „Werbung“ um Simone lächerlich machen, ande-
rerseits benötigt sie einen Nervenarzt, ihre eigene Vergangenheit und Zukunft
sind ihr nicht erinnerlich, sie steht noch unter Schock. Dennoch schafft sie es
mit den Mitteln der Manipulation, zwischen den vier Vertretern der Weltmäch-
te Streit auszulösen und sorgt dafür, dass diese einem „Phantom“68 nachlaufen.
67 Ein Rezensent der Arbeiter-Zeitung bietet eine andere Leseweise an, Simone wäre „nur ein
Symbol für die Welt von heute, die durch alle Kriegsnot und alles Menschenleid gegangen ist;
durch den ganzen Irrsinn des letzten Jahrzehnts, um schließlich selbst in einem Irrenhaus zu
landen“. Vgl. Z.o.: Simone und der Friede, S. 5.
68 Barbara Porpaczy: Frankreich – Österreich, 1945–1960: Kulturpolitik und Identität. Innsbruck,
Wien, Bozen: Studien-Verl. 2002, S. 211. Vierfache Besetzung: Simone und der Friede 119
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918