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Dies mag der Position Österreichs in den ersten Jahren der Besatzungszeit ent-
sprechen, als sowohl die USA als auch die Sowjetunion noch um die Gunst der
österreichischen Bevölkerung warben. In Zusammenhang mit den Verhandlun-
gen des österreichischen Staatsvertrages wurde die Sowjetunion jedoch zuneh-
mend in die Rolle des „Spielverderbers“ gerückt, der dem Land keine Freiheit
gönnte. Darüber hinaus war die antikommunistische Grundierung der österrei-
chischen Bevölkerung noch durch die antibolschewistische Propaganda der
Nationalsozialisten gegeben. Österreich blieb für die Besatzungsmächte ein „Phan-
tom“, das sich seinen Werbern, die ja eigentlich zur Befreiung von einem ande-
ren, braunen Liebhaber geeilt waren, nur an den Hals warf, wenn es sich davon
Vorteile erhoffte und durchschaut hatte, dass die eigene staatliche Souveränität,
also der erfolgreiche Abschluss eines Staatsvertrages, auch von der „internatio-
nalen Großwetterlage“69 abhängig war.
Simone und der Friede ist, wie ein Rezensent anmerkt, kein „großes Kunstwerk“,
sondern ein „heiteres Spiel um eine sehr ernste Angelegenheit“, in der nicht nur
alle vier großen Nationen, sondern auch Österreich „durch den Kakao gezogen
werden, ohne daß sich eine über besondere Bevorzugung beklagen könnte“.70
Liebe zwischen Ost und West
Auch andere Liebesgeschichten werden durch den Kalten Krieg be- bzw. ver-
hindert, wie in Robert Neumanns Festival, wo eine Dreiecksbeziehung zwischen
einer Frau und jeweils einem männlichen Vertreter aus Ost und West dazu
benutzt wird, die beiden Seiten des „permanenten Nichtfriedens“ spiegelbildlich
darzustellen. In den Texten finden sich die Figuren aufgrund ihrer „Liebeswahl“
zwischen den Systemen wieder oder fallen ganz aus ihnen heraus, wie in Fried-
rich Torbergs Die zweite Begegnung. Neumann und Torberg, „Wahlfeinde im
Kalten Krieg“,71 standen an zwei verschiedenen Positionen des politischen Spek-
trums. Während Torberg mit einem radikalen Antikommunismus operiert, der
eine, auch noch so geringe Annäherung an den Feind als Unterstützung dessel-
ben auffasste und eine solche nicht dulden wollte, bemühte sich Neumann um
eine Annäherung, einen Dialog zwischen den verhärteten Fronten. Auffällig ist,
69 Günther Bischof: „Prag liegt westlich von Wien“, S. 317.
70 N.N.: Aus dem Kulturleben, S. 7.
71 Franz Stadler: „Wahlfeinde“ des Kalten Krieges. Friedrich Torberg kontra Robert Neumann.
In: Hansel, Rohrwasser (Hg.): Kalter Krieg in Österreich, S.
213–227, hier S.
219. In einem Brief
vom 4. Juli 1955 schreibt Neumann an Torberg: „Unser Antikommunismus und der Ihre, lie-
ber Freund, kommen eben aus verschiedenen Ecken, für unsereinen sind Stalin und die Folgen
eine faschistische Korruption einer der grossen Menschheitsideen – das wird Ihnen so absurd
vorkommen wie mir alles, das Sie dagegen sagen könnten.“
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
120 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918