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dass sie beide in ihren Romanen Liebesgeschichten als Vehikel für ihre politi-
schen Ansichten benutzten, die Auswirkung des Systemkonflikts auf ihre Lie-
bespaare auf Romanebene jedoch einander diametral entgegengesetzt ausgestal-
ten. Auch die Überwindung des Systemkonflikts durch Liebe bzw. Freundschaft
zweier nicht-menschlicher Wesen in Karl Bruckners Jugendbuch Nur zwei Robo-
ter zeigt das Vermögen der Literatur, soziale und politische Ereignisse wie sie
der Kalte Krieg bedingte zu vermitteln und aufzulösen.72
Zunächst soll auf den Jugendroman Nur zwei Roboter (1963)73 von Karl Bruck-
ner eingegangen werden. Hier sind es keine Menschen, sondern Maschinen, die
im permanenten „Nichtfrieden“ als jeweilige Produkte und „Kapital“ im kultu-
rellen Wettstreit mittels ihrer grenzenlosen Zuneigung die Supermächte zu einer
Annäherung zwingen. Nur zwei Roboter ist einer der österreichischen Texte,
neben den Kabaretts von Carl Merz und Helmut Qualtinger, Robert Neumanns
Die Puppen von Poshansk und Milo Dors und Reinhard Federmanns Die Aben-
teuer des Herrn Rafaeljan, in denen beide Seiten des Kalten Krieges satirisch
behandelt werden. Einzigartig bleibt der Text hinsichtlich seines utopischen Ent-
wurfs der Überwindung des Systemkonflikts.
Im Roman wird der sich zwischen den Systemen vollziehende Konflikt als
alle Lebensbereiche umfassender beschrieben, eben als ein ideologischer und
kultureller Wettkampf um „hearts and minds“.74 Die Supermächte wollen dann
auch auf der Weltausstellung ihre Überlegenheit mittels neuester Technologien
demonstrieren. Durch diese Konstellation verdeutlicht Bruckners Roman, dass
der Kalte Krieg vor allem ein „Wettlauf um die Verwirklichung zweier Weltan-
schauungen, zweier Wege zur Organisation von Kultur und Gesellschaft, [sowie]
zweier Möglichkeiten, die Moderne zu definieren“75 war. Der „Wettstreit der
Kulturen“ konzentrierte sich auf die Frage, wie die Zukunft der Welt durch tech-
nologischen Fortschritt verbessert werden könnte, wobei sowohl in den USA als
auch in der UdSSR das Weltall zu einer Projektionsfläche für die Hoffnungen
und Ängste der Gesellschaft wurde.
Bei Bruckner ist der „Wettstreit“ zwischen den beiden Blöcken das handlungs-
tragende Moment, das die beiden Protagonisten hervorbringt. Während ameri-
kanische Wissenschaftler unter absoluter Geheimhaltung den Roboter William
72 Andrew Hammond. On the Frontlines of Writing. Introducing the Literary Cold War. In: ders.
(Hg.): Global Cold War Literature. Western, Eastern and Postcolonial Perspectives. New York,
London: Routledge 2012, S. 1–16.
73 Karl Bruckner: Nur zwei Roboter? Wien: Jugend und Volk 1963 [Im Folgenden mit ZR abgek.].
74 Kenneth A. Osgood: Hearts and Minds: The Unconventional Cold War. In: Journal of Cold
War Studies 4 (2002) H. 2, S. 85–107, hier S. 86.
75 Jessica C.
E. Gienow-Hecht: Wer gewinnt den Wettlauf? Stellvertreterkriege in Kultur und Wis-
senschaft. In: Der Kalte Krieg. Hg. in Zusammenarbeit mit DAMALS – Das Magazin für
Geschichte. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010, S. 83–90, hier S. 84.
Liebe zwischen Ost und West 121
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918