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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Von einer unglücklichen Dreiecksbeziehung unter den Bedingungen des Sys- temkonflikts wird in Robert Neumanns Festival (1962)78 erzählt. In einem Brief an Neumann hat Marcel Reich-Ranicki den Roman als „Pornographie“, „die eine literaturkritische Auseinandersetzung unmöglich macht“ verworfen und der Verlag Kurt Desch selbst kündigte Festival als „kaum überbietbar degoutante[s] Buch“79 an. Tatsächlich aber formuliert der Roman eine „Verschränkung bezie- hungsweise Kontraposition von Erotik und Politik“.80 Die Handlung des Romans wird durch „zwei epische Kreise“81 miteinander verwoben, dadurch werden die zwei getrennten Handlungsstränge aufeinander bezogen und verleihen dem Roman einen hohen Grad an Komplexität, aber auch Reflexivität. Neumann unternimmt in Festival ein literarisches Experiment, ver- bindet eine historisch gebundene mit einer allgemeinen Erzählebene, die unab- hängig von historischen Details bleibt. Zum einen wird die Geschichte einer lothringischen Französin aus dem Elsass, Marguerite Fleury, erzählt. Diese steht zwischen zwei Männern, die den Westen bzw. Osten spiegelbildlich repräsentie- ren: einerseits Gaston Fleury, ein ehemaliger Sympathisant der Résistance im Zweiten Weltkrieg, der nach 1945 Marguerite heiratet und als Großindustrieller reich und angesehen wird, und andererseits der aus Polen stammende Résistan- ce-Kämpfer und spätere sozialistische Funktionär Kostja, der unter Stalin Kar- riere machte und mit der einsetzenden Entstalinisierung ideologisch auf verlo- renem Posten steht. Mit diesem teilte Marguerite in den Tagen der Résistance ihre ersten erotischen Erfahrungen. Auch in der Nachkriegszeit bleibt ihre Lie- be zu Kostja bestehen, dem sie immer wieder Briefe in den Osten schreibt, die unbeantwortet bleiben. Die Handlung entfaltet sich im Verlauf des Filmfestivals 1962 in Locarno (Tessin, Schweiz), wo sich, als Teil des permanenten kulturellen Kalten Krieges, die Vertreter aus Ost und West versammeln, um ihre neuesten filmischen Errun- genschaften vorzustellen.82 Kurz vor Beginn des Festivals erhält Marguerite einen Brief von Kostja, in der Fuchs, Peter Schneck (Hg.): Der vergessene Klassiker. Leben und Werk Karl Bruckners. Editi- on Praesens 2002, S.  11–33, hier S.  24. 78 Robert Neumann: Festival. Wien, München, Basel: Desch 1962 [Im Folgenden mit F abgek.]. 79 Vgl. Der Spiegel, 31.10.1962, S. 131. 80 Anne Maximiliane Jäger: „Eine so vielfältige Verwechslung  ...“. Frauenliebe und Eros der Macht in Robert Neumanns Roman Festival (1962). In: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissen- schaft und Linguistik  34 (2004) H.  135, S.  87–109, hier S.  91. 81 Hans Kricheldorff: Robert Neumann: Festival. In: Neue deutsche Hefte 10 (1963) H.  93, S.  144–145, hier S.  144. 82 Wie Neumann in Festival anklingen lässt, kann der Kalte Krieg auch als Streben nach dem Sieg mit anderen Mitteln verstanden werden, in den Worten von David Caute: „[…] every Soviet Palme d‘or at the Cannes Film Festival, every curtain call for the Berliner Ensemble in London, was worth a Red Army division on the Elbe“. Caute: The Dancer Defects, S.  5. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 124 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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