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er sie darüber informiert, dass er als Mitglied einer polnischen Delegation zum
Festival kommen wird, und sie um ein Treffen bittet, nachdem sie siebzehn Jah-
re lang getrennt waren. Marguerite, die in ihrer Ehe mit Gaston unglücklich ist,
plant daraufhin, ihren Ehemann zu verlassen und sich gemeinsam mit Kostja
nach Polen abzusetzen. Kostja hat jedoch, wie sich zuletzt herausstellt, einen
anderen Grund, den Kontakt mit ihr wieder aufzunehmen und nutzt Margue-
rites Gefühle für einen politischen Zweck: Kostja hofft sich mit Gastons Hilfe in
den Westen absetzen zu können. Gaston, der ebenfalls in Locarno eintrifft, hat
denselben Plan in umgekehrter Richtung: Er will in den Osten überlaufen, wobei
ihm Kostja ein gutes Zeugnis ausstellen soll.
Beide Männer sind von ihren eigenen Seiten im Kalten Krieg desillusioniert,
beide wollen die Unterstützung des jeweils anderen beim Überlauf. Schlussend-
lich gelingt dies jedoch keinem der beiden und die Pläne von Kostja, Gaston und
auch von Marguerite lösen sich in Luft auf.
Die Konstellation zwischen Kostja und Gaston reproduziert das Prinzip der
Umkehrbarkeit zwischen Ost und West, die die Charakteristiken, die einem
Block zugeschrieben werden, jeweils im anderen spiegelt.83 Aufgrund der dem
Systemkonflikt inhärenten binären Logik sowie wegen des Universalismus-An-
spruchs, den beide Ideologien verkündeten, standen beide Seiten in einer dia-
lektischen Beziehung. Diese Spiegelung führt Neumann mit den beiden Figuren
Gaston und Kostja auf Romanebene vor. Während Gaston zunächst als Kontrol-
leur der beschlagnahmten deutschen Industriebetriebe, der später zum interna-
tionalen Großindustriellen avanciert, äußerst erfolgreich ist, jedoch von seiner
ideologischen Überzeugung her dem Kommunismus zugetan bleibt, verhält es
sich mit Kostja genau umgekehrt: Er ist kompromittiert, innerhalb der Partei
nicht arriviert und geht davon aus, dass man nur im Westen als Kommunist
leben könnte, wie er Marguerite erklärt:
Sie haben mich zum rostigen Eisen geworfen. Aber ich bin ja doch nicht alt, ich bin
ein Mann von großem Ehrgeiz […]. Bin ich noch Kommunist, hast du gestern ge-
fragt. Selbstverständlich bin ich ein Kommunist. Was sollte ich denn sonst sein? Man
müßte ja doch verzweifeln! Gerade weil ich ein Kommunist bin, muß ich –! Verstehst
du das auch richtig? […] Ein Kommunist, dem noch die alten Ideen im Pelze sitzen,
als wären sie Läuse. Ich kann dort nicht atmen! Ich muß dort weg! (F 258 f.)
83 In seiner paranoiden Suche nach den sogenannten „Fünften Kolonnen“ war der Osten dem
Westen auffallend ähnlich. Die Taktik, die entgegengesetzte Seite nachzuahmen, wurde auch
aus der Angst eingesetzt, der Gegner könnte einen Schritt voraus sein. Vgl. Patrick Major, Rana
Mitter: East is East and West is West? Towards a Comparative Socio-Cultural History of the
Cold War. In: Dies.: (Hg.): Across the Blocs. Cold War Cultural and Social History. London [u.
a.]: Frank Cass 2004, S. 1–22, hier S. 7. Liebe zwischen Ost und West 125
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918