Seite - 130 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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für die „richtige Seite“ im Kalten Krieg und eine gemeinsame Flucht mit Martin
aus der ČSSR. Der Titel von Torbergs Roman ist damit nicht nur als „zweite
Begegnung“ des Protagonisten mit seiner großen Liebe Wera Kirsanowa im Prag
der Nachkriegszeit zu verstehen, sondern auch als zweite Begegnung mit tota-
litären Systemen.
Wera schreibt das frühere Ende der Beziehung zwischen ihr und Martin explizit
der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nationalsozialisten und dem dar-
auffolgenden Zweiten Weltkrieg zu: „Wenn das damals nicht gekommen wäre, die
Besetzung und der Krieg und das alles – dann wär’s gar nicht zu Ende gewesen mit
uns.“ (ZB 23) Auch Martin hält kurz nach dem Putsch 1948 in seinem Tagebuch
fest, dass er „der gleichen Lähmung anheimgefallen“ (ZB 128) sei, wie nach der Mach-
tübernahme durch die Nationalsozialisten 1938 und, „daß die Verwüstung des Pri-
vatlebens durch die Politik noch viel tiefer geht, als ich geglaubt hatte“ (ZB 128).
Unter klaren antikommunistischen Vorzeichen gestaltet Torberg die Liebesge-
schichte seines Romans, die im Gegensatz zu Neumanns Festival eine differenzier-
te Ausgestaltung vermissen lässt. Torberg deutet eine Dreiecksbeziehung nur an,
ohne sie im weiteren Handlungsverlauf zur Darstellung zu bringen: Weras Ehe-
mann tritt im Roman selbst nie als Figur auf, sondern wirkt nur indirekt auf die
Handlung des Romans ein. Hinsichtlich der Verunmöglichung der Realisierung
des Konzepts „Liebe“ unter den Bedingungen der totalitären Diktatur erklärt Mar-
tin seiner Jugendliebe bei deren „zweiter Begegnung“: „Es hat keinen Sinn, Wera.
Jetzt nicht mehr. Noch vor drei Wochen – aber jetzt nicht mehr. Jetzt ist alles ganz
anders. […] Vor drei Wochen hätt’ ich dir das noch nicht gesagt. Vor drei Wochen
hätt’ ich überhaupt nicht nachgedacht, ob es einen Sinn hat.“ (ZB 23)
Explizit eingeschrieben ist dieses Eingreifen des totalitären Systems in die
persönliche Sphäre hinsichtlich der Chronologie der Handlung, die von 1934
bis 1948 reicht, bereits, als Martin sich, in seinen Aufzeichnungen, die als eine
Art diskursiver Rahmen seine politisch-ideologische Entwicklung beschreiben,
mit seiner Position gegenüber dem Kommunismus befasst. Im Winter 1937, auf
dem Höhepunkt der stalinistischen Säuberungen und der Moskauer Schaupro-
zesse, eine Zeit, in der sich viele Intellektuelle, darunter Arthur Koestler und
Manès Sperber, vom Kommunismus abwandten, notiert Martin: „Am Ende wer-
de ich mich vor jedem Kuß fragen müssen, ob ich damit nicht die Weltrevolution
verhindere, und unter jedem nächtlichen Sternenhimmel, wie sein Vorhandensein
sich mit dem Klassenkampf verträgt.“ (ZB 58)
Das Aufgeben des persönlichen Glücks, des pursuit of happiness gegenüber
den revolutionären Ideen und Idealen des Kommunismus, bringt Martin dann
auch neben dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 zur vollständigen Abkehr von der
kommunistischen Ideologie.94
94 Hier entspricht sein politischer Werdegang dem von anderen Intellektuellen; so hielt z.B. Manès
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130 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918